Körperverletzungsprozess: Kieferbruch am Taxistand

20. März 2016, 14:49
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Ein 27-Jähriger soll einen körperlich überlegenen Taxilenker schwer verletzt haben. Er leugnet, der Verletzte sagt auch nicht die Wahrheit

Wien – Gary S. ist 2,02 Meter groß und wiegt 110 Kilogramm. Mario C. kommt auf 173 Zentimeter und 78 Kilo. Dennoch wird C. vorgeworfen, am 29. Oktober S. bei einer Auseinandersetzung mit einem Faustschlag den Kiefer gebrochen zu haben, daher muss er sich mit der Anklage der schweren Körperverletzung vor Richter Wolfgang Etl verantworten.

Unbestritten ist, dass der 27-jährige Gastronom an diesem Tag sein Moped am Rand eines Taxistandplatzes abgestellt hatte. Da er gemeinsam mit seiner Freundin Essen abholen wollte.

Unbestritten ist auch, dass Taxilenker S. sich auf diesem Standplatz platzieren wollte. Dass er seinen Gegner allerdings im Kopfbereich irgendwie berührt hat, bestreitet der von Leonhard Kregcjk vertretene Angeklagte.

Schreiender Taxilenker

"Es waren genug Plätze frei, aber der Taxilenker ist sofort ausgestiegen und aggressiv und wüst schimpfend auf uns zugekommen", schildert der unbescholtene C. dem Richter. Er solle mit seinem Moped von hier verschwinden, habe er geschrien. "Er ist dann ein paar Zentimeter vor mir gestanden, hat sich heruntergebeugt und ausgeholt."

C. habe lediglich eine Abwehrhaltung eingenommen und einen Schlag auf die Hand bekommen, dann sei ein Gerangel entstanden und beide zu Boden gestürzt. Man habe sich aufgerappelt, er parkte das Moped um und ging dann zur mittlerweile vom Taxler verständigten Polizei zurück.

Etl hält ihm vor, er habe in seiner Einvernahme noch von einem Abwehrschlag gesprochen, um die Freundin zu verteidigen. C. vermutet ein Missverständnis. Woher der Chauffeur seinen Kieferbruch, der operiert werden musste, hatte, kann er sich nicht erklären. "Ich habe ihn nicht geschlagen, ich weiß nicht, wo er das herhat!"

"War sicher nicht deeskalierend"

Wer sich beim Auftritt des Verletzten einen Lohnkutscher der alten Schule erwartet hat, wird enttäuscht. S. drückt sich gewählt aus und schildert seine Sicht der Dinge. Er habe den jungen Mann zunächst gebeten wegzufahren, was der verweigerte. Anschließend sei er ausgestiegen und habe "eine kultivierte Frage gestellt". Nämlich warum C. seinen Arbeitsplatz besetze.

"Ich wurde sofort aufs Bodenständigste beschimpft und wild angeschrien", behauptet der Taxilenker. Sicher, er sei dann auch lauter geworden, "das war sicher nicht deeskalierend". Auch nicht, dass er seinem Kontrahenten schließlich Nase an Nase gegenübergestanden sei.

Plötzlich habe er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrgenommen, einen Schmerz im linken Kiefer gespürt, dann sei ihm schwarz vor Augen geworden. "Ich muss sicher kurz bewusstlos gewesen sein, als ich zu mir kam, lag ich auf dem Boden, der Angeklagte auf mir und prügelte wild auf mich ein."

"Ich schlag' dich tot!"

Das allerdings hat er bei der Polizei auch nicht erzählt, zitiert der Richter aus dem Akt. Worauf S. die Aussage deutlich abschwächt. C. sei auf ihm gelegen und habe ihn umklammert, er konnte sich aber leicht befreien. Als er am Angeklagten und dessen Freundin vorbeiging, um sich die Nummer des Mopeds zu notieren, sei er weiter beschimpft worden. "Ich bring' dich um und schlag' dich tot!", soll C. gesagt haben.

Interessanterweise stimmt aber zumindest ein Teil der Aussage laut einer unabhängigen Zeugin sicher nicht. Die Anrainerin wurde auf die Szene nämlich durch die Schreierei des Taxlers aufmerksam, erinnert sie sich.

"Der große Herr ist schimpfend und mit bedrohlichen Gesten zu dem jungen Mann hingegangen. Ich hatte den Eindruck, er provozierte ihn, der junge Mann hat dann die Fäuste geballt." Die entscheidenden Momente hat sie aber nicht mitbekommen. "Ich habe mir gedacht, da der Größenunterschied so klar ist, legt sich das wieder."

Schlag oder Sturz

Für den medizinischen Sachverständigen Christian Reiter stellt sich also die Frage, ob die Fraktur von einem Schlag oder einem Sturz stammt. S. sei am nächsten Tag ins Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus gefahren, dort sei der Bruch aber übersehen worden. Auch der Zahnarzt des Verletzten war sich nicht sicher, schickte ihn aber ins AKH, wo er schließlich operiert wurde.

Reiter gibt zu, dass die Entstehung der Verletzung schwierig zu beurteilen ist. Der Bruch sei nicht verschoben, daher könne man nicht sagen, ob von einer bestimmten Seite ein harter Schlag gekommen sei. Allerdings habe S. zwar am Ellbogen Abschürfungen gehabt, nicht aber im Kieferbereich, daher sei es unwahrscheinlich, dass er mit dem Kopf auf den Asphalt geprallt sei.

Auch eine dritte Möglichkeit fällt dem Mediziner ein: dass ein anderer Körperteil, etwa ein Ellbogen, mit dem Kiefer kollidiert sei. Hier zeigt sich das Problem bei der Verantwortung des Angeklagten: Würde er nicht ausschließen, S. bei einer Abwehrbewegung getroffen zu haben, wäre sogar Notwehr denkbar.

Verletzter verlor Job

Der 27-Jährige bleibt aber dabei. Die Verletzung des Taxilenkers, der mittlerweile entlassen wurde und diese Branche aufgegeben hat, tue ihm leid. Auch, dass S. noch immer daran laboriert. Aber er trage keine Schuld daran.

Etl glaubt das sehr wohl und verurteilt C., nicht rechtskräftig, wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 2.160 Euro, die Hälfte davon bedingt. Sollte er nicht zahlen können, sind es 270 Tage teilbedingte Haft. Zusätzlich muss er dem Verletzten 7.100 Euro Schmerzensgeld zahlen. (Michael Möseneder, 20.3.2016)

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