Wie Elfie Semotan zur wichtigsten Fotografin Österreichs wurde

13. März 2016, 08:00
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Vom Model zur Starfotografin: Elfie Semotan ist die Grande Dame der heimischen Fotografenszene, nun liegt ihre Biografie vor

Glatt und schön: Das ist die landläufige Meinung, wie ein Model auszuschauen habe. Glatt und schön und ein bisschen langweilig. In der Welt der Elfie Semotan ist weder glatt noch schön ein Attribut, das sonderlich ins Gewicht fallen würde. Sie selbst war als junge Frau von betörender Schönheit – und ist es auch mit knapp 75 (am 25. Juli feiert sie ihren runden Geburtstag).

Doch glatt (geschweige denn langweilig) war Semotan nie. Weder als Model noch als Fotografin. Es ist die Abweichung von der Norm, die sie interessiert. Das Unperfekte. Die Charakterstärke. Wäre Semotan nicht Fotografin geworden, wäre sie mit Sicherheit in der Welt der Kunst gelandet. Aus ihr zieht sie ihre Energie, hier liegen ihre Wurzeln, hier pocht ihr Herz.

foto: elfie semotan
Elfie Semotan

Der Enge Wiens entfliehen

Doch der Reihe nach: Als sie als junge Frau nach Paris ging, um der Enge Wiens zu entkommen (geboren ist Semotan in Haag am Hausruck), tauchte sie schnell in die Modeszene ein. Untertags arbeitete sie als Model, am Abend zog sie mit Modelfreundin (und späterer Fotografin) Sarah Moon oder ihrem damaligen Freund, dem kanadischen Künstler John Cook, um die Häuser.

Von ihm schoss sie auf einem Trip durch die Provence ihre ersten professionellen Fotos: Aufnahmen in Pelzmänteln, die weniger von den Kleidungsstücken als von der in sie gehüllten Person erzählen. Bilder, die im Kern bereits all das enthalten, wofür Semotan Jahrzehnte später berühmt werden sollte. Im Mittelpunkt eine Persönlichkeit, die sich oft landläufigen Definitionen von Schönheit entzieht, die Kleider dagegen nur Accessoires.

Die Aufnahmen für das Lifestyle-Magazin "Twen" waren durchaus ungewöhnlich. Und sie verdeutlichen, dass Semotan von Anfang an an einer internationalen Perspektive interessiert war. Auch wenn sie nach zehn Jahren in Paris (aus Steuergründen) nach Wien zurückkehrte, dachte sie immer in größeren Zusammenhängen. Modemagazine gab es damals in Österreich keine, von so etwas wie einer Modeszene ganz zu schweigen. Die interessanteren Charaktere waren in der Kunstszene zu finden, in der Semotan bald heimisch war.

foto: elfie semotan
Emmanuelle Seigner (mit Sohn August)

18 Jahre teilte sie ihr Leben mit dem Künstler Kurt Kocherscheidt, mit dem sie zwei Kinder (Ivo und August) hat. Ästhetische Belange waren für Kocherscheidt zweitrangig, ihm ging es viel mehr darum, gängige Bild- und Raumkonzepte zu hinterfragen. Dieser Anspruch prägt auch Semotans Bilder, die sich zwar dem Rahmen der Mode- und Werbefotografie unterordnen (müssen), gleichzeitig aber beharrlich dagegen anrennen: indem sie gleichermaßen mit Models und Amateuren arbeitet, die Kunst als Ideenreservoir nimmt, Schönheitsidealen misstraut.

Bei Semotans engstem Weggefährten in der Mode, bei Helmut Lang, war das ganz ähnlich. Mitte der 1980er-Jahre lernten sich die beiden kennen – er damals ein noch kaum bekannter Modemacher, sie die bereits arrivierte Werbefotografin, deren Kampagnen für Palmers (eine der Plakatserien löste in den späten 70ern einen Skandal aus) und Römerquelle viel Aufsehen erregt hatten. Beide vom Charakter eher scheu, beide in ihrer Arbeit kompromisslos, sind sie bis heute eng verbunden.

foto: elfie semotan
Cordula Reyer

Halt & Sicherheit

Als Kocherscheidt mit gerade einmal 49 Jahren starb, gab Lang Semotan und den beiden Kindern Halt und Sicherheit. Als einige Jahre später auch Semotans zweiter Mann, der deutsche Künstlerrabauke Martin Kippenberger, nach gerade einmal zwei Jahren Ehe verstarb, schlug Lang Semotan vor, nach New York zu ziehen. Er selbst lebte schon einige Jahre in der Stadt und verschaffte ihr erste Aufträge.

Der Umzug nach New York, wo Semotan bis heute neben Wien und Jennersdorf (Burgenland) lebt, markiert nach dem Tod Kocherscheidts die zweite große Zäsur in ihrem Leben. Regelmäßig fotografierte sie jetzt für die großen internationalen Magazine, wahlweise Modestrecken oder Porträts.

foto: elfie semotan
Kirsten Dunst

Vor allem Letztere nehmen in Semotans OEuvre eine bedeutende Stellung ein, allerdings nicht unbedingt, weil die Fotografin von Willem Dafoe über Brad Pitt bis Kirsten Dunst zahlreiche Hollywoodstars vor der Linse hatte. In den USA müssen sich auch Schauspielerporträts allgemeinen Branding-Konzepten unterordnen, die Freiheiten von Fotografen sind beschränkt. Die Porträts, die Semotan von Menschen machte, die nicht so stark in der Öffentlichkeit stehen, sind denn oft stärker. Sie offenbaren den genauen Blick, der sie als Fotografin auszeichnet, das Interesse für die Person und weniger für modische Oberflächlichkeiten.

Genau das macht auch ihre vielen Künstlerbilder so besonders. Die Nähe, die Semotan zu vielen der Porträtierten hat, merkt man den Fotos an. Nie geht es um den schnellen Effekt, darum, einen visuellen Reiz auszuschlachten. Es sind Bilder, die einen zweiten Blick vertragen und dann auch oft noch mit ihren Reizen geizen. "Ich glaube daran, für jede Person einen individuellen Weg zu finden, der nur zu diesem Menschen passt", erklärt sie in der von der Journalistin Ute Woltron aufgezeichneten Autobiografie.

foto: elfie semotan
Werner Schreyer

Es ist ein Buch geworden, das ein kreatives Umfeld würdigt, das in diesem Land leider oft zu kurz kommt. Erzählt in einem leichtfüßigen Plauderton und mit zahlreichen Bildern versehen, fokussiert es auf die bestimmenden Menschen in Semotans Leben (Kocherscheidt, Lang, Kippenberger), ohne aber Grundsätzliches aus dem Blick zu verlieren.

Oft wird Semotan in einem Atemzug mit den sie umgebenden Männern genannt, dadurch geriet ihre Arbeit in der Vergangenheit manchmal etwas in den Hintergrund. Das zu korrigieren ist keine kleine Leistung dieses Buches. (Stephan Hilpold, RONDO, 13.3.2016)

foto: elfie semotan
Models fotografiert Elfie Semotan (mit Sarah Moon) mit derselben Leidenschaft wie Schauspieler.

Am Mittwoch, 30. März um 19.30 wird Elfie Semotans Autobiografie im Wien-Museum vorgestellt.

  • Der Künstler Kurt Kocherscheidt ...
    foto: elfie semotan

    Der Künstler Kurt Kocherscheidt ...

  • ... der Kunstrabauke Martin Kippenberger
    foto: elfie semotan

    ... der Kunstrabauke Martin Kippenberger

  • ... und der große Modemacher Helmut Lang (mit Künstlerin Jenny Holzer): Diese drei Männer spielen im Leben der Elfie Semotan eine wichtige Rolle.
    foto: elfie semotan

    ... und der große Modemacher Helmut Lang (mit Künstlerin Jenny Holzer): Diese drei Männer spielen im Leben der Elfie Semotan eine wichtige Rolle.

  • Elfie Semotan: "Eine andere Art von Schönheit". Brandstätter-Verlag. 35 Euro
    cover: brandstätter verlag

    Elfie Semotan: "Eine andere Art von Schönheit". Brandstätter-Verlag. 35 Euro

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