Der Name Scharapowa ist kein mildernder Umstand

Kommentar8. März 2016, 12:35
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Wieso der Russin eine lange Dopingsperre droht

Auftritte von Maria Scharapowa sind Weltklasse, sei es als Tennisspielerin, sei es als reuige Sünderin im Büßerkleid. Sie konnte einem schon leidtun, und sie tat einem ja auch leid, als sie da Zeugnis ablegte von ihrer positiven Dopingprobe. Zehn Jahre lang hatte sie das Meldonium enthaltende Präparat Mildronat regelmäßig eingenommen. Es wird Patienten verabreicht, die an mangelhafter oder fehlender Durchblutung eines Gewebes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Scharapowa sagt, Mildronat wurde ihr verschrieben, weil sie oft krank gewesen sei und es Anzeichen von Diabetes gegeben habe.

Das wird von vielen Kundigen in Zweifel gezogen – klar ist, dass Meldonium leistungssteigernd wirkt. Es tut aber auch gar nichts zur Sache, aus welchem Grund Scharapowa von 2006 bis 31. Dezember 2015 einwarf, was sie eingeworfen hat. Dafür muss sie sich nicht rechtfertigen, in dieser Zeit war Meldonium nicht verboten. Man kann Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern nicht vorwerfen, dass sie im erlaubten Rahmen alles tun, um ihre Leistung zu verbessern. Wahrscheinlich müssen sie es tun, weil sie davon auszugehen haben, dass die Konkurrenz genauso handelt.

Seit 1. Jänner 2016 steht Meldonium auf der Dopingliste. Scharapowa sagt, sie habe im Dezember die Info der Welt-Anti-Doping-Agentur über die geänderten Regularien erhalten, habe aber "nicht auf die Liste geschaut". Und das ist der entscheidende Punkt. Maria Scharapowa ist nämlich nicht nur eine Tennisspielerin, Maria Scharapowa ist eine Firma, ein Unternehmen. Sie hat Manager, Betreuer, Ärzte, Helfer. Maria Scharapowa ist mit einem Jahreseinkommen von 29,7 Millionen US-Dollar (6,7 Millionen Preisgelder, 23 Millionen aus Werbung) die bestverdienende Sportlerin der Welt. Sie könnte es sich leisten, jemanden anzustellen, der nichts anderes tut, als Wada-Vorgaben zu studieren. Täglich.

Doch sie hat "nicht auf die Liste geschaut", und auch sonst hat niemand "auf die Liste geschaut". Das ist unfassbar. Wäre die Aussage gelogen und hätte Scharapowa also wissentlich gedopt, wäre es schlimm. Sagt die Russin die Wahrheit, ist das Übel fast genauso groß. Für schwere Doping-Erstvergehen werden seit einem Jahr vierjährige Sperren verhängt. Ob Scharapowas Vergehen als so schwer gewertet wird, bleibt abzuwarten. Ihr Name und ihr Status sind jedenfalls keine mildernden Umstände, und von einem Kavaliersdelikt lässt sich garantiert nicht sprechen. Der Tennis-Weltverband wird wahrscheinlich nicht umhinkommen, Scharapowa lange aus dem Verkehr zu ziehen. (Fritz Neumann, 8.3.2016)

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