China baut gigantische Achterbahn nach Tibet

8. März 2016, 13:31
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Die neue Bahn soll Chengdu mit Tibet verbinden. Umweltschützer sind alarmiert, Indien wittert militärische Absichten

Die aufsehenerregende Nachricht kam mit nur vier chinesischen Schriftzeichen aus. Sie versteckten sich auf Seite 53 im umfangreichen Fünfjahresplan Chinas (2016 bis 2020). Unter der Rubrik neu genehmigte Verkehrsprojekte steht: "Eisenbahn von Sichuan nach Tibet."

Der Halbsatz reichte aus, um im Pekinger Volkskongress Begeisterung unter den 20 Abgeordneten Tibets auszulösen. Besorgnis meldeten dagegen Umweltschützer an. Auch aus Indien kamen kritische Stimmen. Sie vermuteten militärisches Kalkül hinter dem weltrekordverdächtigen Bau einer neuen, 1.800 Kilometer langen Bahnstrecke. Sie soll von der südwestchinesischen Metropole Chengdu quer durch Tibet bis nach Lhasa führen. Erweiterungsbauten sollen sie künftig mit den Grenzpässen im Himalaya verbinden. Im Krisenfall hätte Chinas Armee eine Transportbahn, die bis nach Indien führt, zur Verfügung.

"Kein Anlass für Befürchtungen"

Tibets Vizeparteichef Padma Choling nannte solche Bedenken absurd. Journalisten durften bei der Gruppenaussprache der tibetischen Abgeordneten zum neuen Fünfjahresplan am Rande des Volkskongress zuhören. Der Funktionär nannte den Schutz des sensiblen Hochlands, durch das die Bahn führt, und der Umwelt auch ein tibetisches Anliegen. Ebenso gebe es wegen des Projekts keinen Anlass für strategische Befürchtungen: "Wir werden diese Bahn auf jeden Fall bauen."

Für den Bau des neuen Großprojekts ist die Entscheidung gefallen – aber noch nicht, wann der erste Spatenstich offiziell gesetzt wird. Bislang gab es nur die Qinghai-Tibet-Eisenbahn. Seit sie im Juli 2006 in Betrieb ging, transportierte sie reibungslos Millionen Besucher nach Lhasa, überwindet dabei Pässe von bis zu 5.000 Meter Höhe. Mit ihren 1.956 Kilometer gilt sie nicht nur als längste Eisenbahn der Welt, die über eine Hochebene führt, sondern auch als technologisches Wunderwerk der Superlative im Eisenbahnbau.

"Achterbahn mit riesigen Ausmaßen"

Doch das neue Bahnprojekt sei noch komplizierter, behauptet Vize-Chefingenieur Lin Shijin vom Eisenbahn-Designinstitut Nummer 2. Er nennt es eine "Achterbahn mit riesigen Ausmaßen", zitiert ihn die offizielle Webseite der tibetischen Regierung. Denn auf dem Weg ins hochgelegene Lhasa würde die Bahn achtmal hintereinander Berge und Täler überwinden müssen, mit durchschnittlich jeweils 2.000 Metern Höhendistanz.

Anders als die erste Tibet-Bahn, die in verhältnismäßig gerader Linie in die Höhe gebaut wurde, muss sich die neue Bahn nach oben schlängeln und dabei mal aufwärts, mal abwärts fahren. Der Grund dafür seien die zerklüfteten Bergregionen, eine tektonische Folge aus dem Zusammenprall zweier Kontinentalplatten. "Wir müssen mit der Bahn da durch und in die Höhe bauen, von 500 Meter bis auf 4.000 Meter."

Angaben zum Termin des Fertigbaus oder zu seinen Kosten gibt es noch keine. Der Trip von Chengdu nach Lhasa soll nur noch 13 Stunden dauern oder eine Nacht – im Liegewagen. Bislang brauchte der alle zwei Tage fahrende Zug von Chengdu bis zum Anschluss an die Qinghai-Tibet-Eisenbahn rund 40 Stunden. Auf der neuen Trasse sollen Züge nach Angaben der Fachpresse künftig auf geraden Strecken bis 200 Stundenkilometer fahren können.

Die neue Trasse folgt einer legendären Landstraße. Auf Befehl Pekings bauten einst mehr als 110.000 Arbeiter und Soldaten um 1950 mit primitiver Ausrüstung die Bergstraße zur Eroberung und Erschließung Tibets. 3.000 Pioniere starben bei dem Bau der Straße. Sie blieb jahrzehntelang die Hauptverbindung für Armee- und Gütertransporte auf das Dach der Welt.

Schub für Tourismus

Ingenieur Lin schreibt, dass die Anfangsstrecke von Sichuans Hauptstadt Chengdu bis nach Ya'an schon im Bau ist, ebenso wie die Endstrecke von Nyingchi nach Lhasa. Pläne für Eisenbahnanbindungen zu drei Auslandspässen im Himalaya liegen vor. "Lhasa wird zur internationalen Tourismusstadt und eine Drehscheibe des Handelsverkehrs", sagte Regierungschef Lobsang Gyaltsen bei der Aussprache im Volkskongress. Es wird mit der Chengdu-Bahn auch zum "Tor der Anbindung Tibets an die neue Seidenstraße".

Neben dem Superbahnbau bis 2020 will Tibet auch 32.000 Kilometer neue Straßen, darunter 3.500 Kilometer Autobahnen bauen, um das Gebiet für den Reiseverkehr zu erschließen. 2015 verbuchte Tibet 20 Millionen touristische Einreisen, 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Innerchinesische Touristen und Besucher aus Staaten wie Nepal machen das Gros aus.

Exiltibeter befürchten durch die Eisenbahn eine noch schnellere Ausbreitung des chinesischen Massentourismus in Tibet. Er steht im Gegensatz zur restriktiven Einreisepolitik Tibets gegenüber Journalisten und kritischen Ausländern. Die offiziellen chinesischen Behörden versperren sich zudem jeder Aussöhnung oder jedem Dialog mit dem als politischer Gegner dämonisierten Dalai Lama und kontrollieren die Religionsausübung stark.

Gigantische Verkehrsprojekte stehen nach dem neuen Fünfjahresplan auch landesweit auf der Tagesordnung. Sie sind ein wirkungsvolles Mittel zur Konjunkturbelebung und Beschäftigung. China hat seit der Weltfinanzkrise 2008 mit 19.000 Kilometer Hochgeschwindigkeitstrassen 60 Prozent der Highspeed-Bahnstrecken der Welt gebaut. Es will bis 2020 dieses funktionierende Netz auf 30.000 Kilometer ausbauen und 80 Prozent seiner Städte an "Chinas ICE" anbinden. Auch das chinesische Autoschnellstraßennetz soll um 30.000 Kilometer neuer oder ausgebauter Autobahnen erweitert werden. (Johnny Erling, 8.3.2016)

  • Die Tibet-Bahn zählt zu den spektakulärsten Infrastrukturbauwerken des Erdballs.
    foto: epa/wu hong

    Die Tibet-Bahn zählt zu den spektakulärsten Infrastrukturbauwerken des Erdballs.

  • Padma Choling hält die Kritik an dem Großprojekt für absurd.
    foto: ap photo/andy wong

    Padma Choling hält die Kritik an dem Großprojekt für absurd.

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