Laut Studie bis zu 2000 Tote durch Tschernobyl in Österreich

7. März 2016, 17:13
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Radiologe Ian Fairlie führt in Westeuropa langfristig bis zu 40.000 Krebstote direkt auf den Reaktorunfall in der Ukraine vor 30 Jahren zurück

Wien – Am 26. April jährt sich der Reaktorunfall von Tschernobyl zum 30. Mal. Besonders Wien ist stärker betroffen als bisher angenommen. Das zeigt die aktualisierte Studie "The other report on Chernobyl" (Torch), die der britische Radiologe Ian Fairlie am Montag mit Umweltstadträtin Ulli Sima und Global-2000-Atomexperte Reinhard Uhrig bei einem Pressetermin in Wien vorstellte. In Österreich rechnet Fairlie mit 1000 bis 2000 Krebstoten.

Insgesamt 37 Prozent des Tschernobyl-Fallouts fielen auf Westeuropa. "Nach Weißrussland war Österreich mit 13 Prozent seiner Gesamtfläche weltweit am zweitstärksten von hoher Cäsium-Belastung vom Fallout betroffen, auch radioaktives Jod traf Österreich stark", sagte Uhrig. "Meteorologisches Pech", erklärte Sima die Gründe.

Gerade die Freisetzung von radioaktivem Jod 131 wird im Torch-Report zum ersten Mal in einen internationalen Kontext gestellt. Denn der Osten Österreichs wurde in den Tagen nach dem Unfall stark von einer radioaktiven Wolke mit Jod getroffen, das sich vor allem in der Schilddrüse von Kindern und Jugendlichen ablagern und dort Krebs verursachen kann. 1986, unmittelbar vor dem Reaktorunfall, erkrankten in Österreich 316 Personen an Schilddrüsenkrebs. Im Jahr 2008 waren es 884. Fairlie geht davon aus, dass acht bis 40 Prozent der Schilddrüsenkrebsfälle in Österreich nach 1990 wahrscheinlich von Tschernobyl verursacht wurden. Er empfiehlt daher dringend weitere Datenerhebungen, die bislang fehlen.

Opferzahlen höher

Noch heute leben rund fünf Millionen Menschen in der Ukraine, in Weißrussland und Russland in radioaktiv hochbelasteten Zonen. In den kommenden 50 Jahren geht Fairlie von 40.000 Todesfällen durch Krebserkrankungen infolge des Reaktorunfalls aus. Laut Wissenschaftlichem Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung wurden bislang 6000 Schilddrüsenkrebsfälle diagnostiziert, weitere 16.000 werden noch erwartet.

In den besonders stark betroffenen Regionen stiegen zudem statistisch nachweisbar Leukämie, Herzkreislauferkrankungen und Brustkrebs. Bei Neugeborenen traten häufiger Fehlbildungen auf.

"Die IAEO geht immer noch von nur 52 direkten Todesfällen und weltweit 4000 Toten aus", kritisierte Uhrig. Er bezeichnete diese Darstellung der Atomenergiebehörde als verharmlosend und forderte eine Überarbeitung.

Zusätzlich leiden Kinder in den drei besonders stark betroffenen Ländern häufiger unter einem schwachen Immunsystem und chronischen Krankheiten wie Asthma. 1995 startete Global 2000 deshalb ein Projekt für Kinder aus der Ukraine, die einmal im Jahr auf Erholungsurlaub nach Österreich geholt werden. Die Stadt Wien unterstützt das Hilfsprojekt. Seit Jahren werden zum Beispiel Wasseraufbereitungsanlagen für Kinderheime gespendet.

Netzwerk gegen Atomkraft

Die Stadt Wien lobbyiere gemeinsam mit NGOs für den europaweiten Ausstieg aus der Atomkraft, sagte Sima. Die Umweltstadträtin hat aus diesem Grund 2011 ein Netzwerk gegründet, das rund 30 europäische Partnerstädte umfasst. Durch das gemeinsame Auftreten soll gegen die Pläne der EU-Kommission zur Förderung neuer Kernkraftwerke vorgegangen und die Förderung von Strom aus Kernenergie abgeschafft werden. (july, 8.3.2016)

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    foto: apa
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