Italien fürchtet die Adria als neue Flüchtlingsroute

8. März 2016, 07:00
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Angesichts der geplanten Abriegelung der Balkanroute könnten Flüchtlinge einen Umweg nach Apulien nehmen. In Rom werden Erinnerungen an "humanitären Albtraum " wach

Bei klarem Wetter kann man von Apuliens Hafenstädtchen Otranto aus die albanische Küste sehen: Die Adria ist an diesem Punkt nur knapp 50 Seemeilen breit. Wer in Vlore in Albanien ein Boot besteigt, ist in ein bis drei Stunden in Italien – in Otranto oder auch im größeren Brindisi oder in Bari. Bleibt die griechisch-mazedonische Grenze geschlossen, könnten die in Idomeni gestrandeten Flüchtlinge früher oder später versuchen, über Albanien an die Adria zu gelangen, um von dort aus nach Apulien überzusetzen. Griechenland teilt mit Albanien eine 300 Kilometer lange, nur schwer kontrollierbare gebirgige Grenze.

Noch wird diese Ausweichroute nicht benutzt; das bestätigen sowohl das italienische als auch das albanische Innenministerium. Aber "einige Hundert" syrische, afghanische und irakische Flüchtlinge hätten bereits versucht, über einen der insgesamt fünf griechisch-albanischen Grenzübergänge zu gelangen, erklärte der albanische Innenminister Saimir Tahiri vor wenigen Tagen.

Man habe die Flüchtlinge allesamt nach Griechenland zurückgeschickt. Nun warten sie etwa zehn Kilometer vor der Grenze, bis kriminelle Schlepperbanden einen Korridor über die Adria öffnen. Albanien kontrolliere seine Grenze, so gut es eben gehe – aber auf einen Ansturm wie in Idomeni sei man "nicht vorbereitet", betonte Tahiri.

"Humanitärer Albtraum"

Die Meerenge von Otranto war schon einmal Schauplatz eines Flüchtlingsdramas gewesen – vor genau 25 Jahren. Ab dem März 1991 gelangten zehntausende Albaner, die vor der kommunistischen Diktatur und der Armut in ihrem Land flohen, über die Adria nach Apulien. Sie waren die ersten Bootsflüchtlinge des Mittelmeers gewesen, und im italienischen Innenministerium spricht man heute noch von einem "humanitären Albtraum".

Einige Bilder von damals haben sich ins kollektive italienische Gedächtnis eingegraben – vor allem jenes des schrottreifen Frachters Vlora, der am 8. August 1991 mit mehr als 20.000 Flüchtlingen an Bord in Bari eingelaufen war.

Zwar ist die damalige Situation mit den albanischen Flüchtlingen mit der heutigen nicht vergleichbar. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Irak müssten erst einmal die griechisch-albanische Grenze überwinden, und außerdem hätten sie in den albanischen Häfen mit Kontrollen zu rechnen. Laut den Erkenntnissen der italienischen Geheimdienste bieten aber Schlepperbanden im Internet bereits die ersten Adria-Überfahrten an – zum Preis von 6000 bis 9000 Euro, die Busfahrt von Griechenland nach Albanien inbegriffen.

Schmuggler könnten Geschäft erweitern

Der Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, Cataldo Motta, weist darauf hin, dass die Meerenge von Otranto auch von Drogen- und Zigarettenschmugglern benutzt werde – diese Schmugglerbanden, die über moderne und für Radar kaum sichtbare Power-Schlauchboote verfügen, könnten ihr Business auch auf Menschenschmuggel ausweiten.

Die Regierung von Matteo Renzi ist jedenfalls alarmiert – umso mehr, als Italien nicht mehr darauf zählen kann, dass ein beträchtlicher Teil der Flüchtlinge wie bisher einfach unregistriert nach Norden weiterreist. Österreich hat bereits angekündigt, die Grenze am Brenner notfalls zu schließen; die Proteste Renzis würden daran wohl wenig ändern. Frankreich hat schon vor längerer Zeit klargemacht, dass keine Flüchtlinge mehr aus Italien aufgenommen würden, und auch die Schweiz hat ihre Kontrollen an den Grenzübergängen längst intensiviert. Der Weg nach Norden ist also bereits heute weitgehend verbaut – falls nun plötzlich eine "Adria-Route" eröffnet würde, befände sich Italien möglicherweise sehr schnell in einer ähnlichen Situation wie Griechenland. (Dominik Straub aus Rom, 8.3.2016)

  • Flüchtlinge warten im sizilianischen Messina auf die Weiterreise. Ähnliches könnte sich bald auch in Apulien ergeben.
    foto: afp photo / giovanni isolino

    Flüchtlinge warten im sizilianischen Messina auf die Weiterreise. Ähnliches könnte sich bald auch in Apulien ergeben.

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