Massives Bevölkerungswachstum stellt Wien vor Probleme

8. März 2016, 05:30
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Um 100.000 Einwohner ist Wien seit 2013 gewachsen. Michael Ludwig reagiert mit einer Wohnbauoffensive. Zu spät, sagen Experten. Die Grünen befürchten Grundstücksverkäufe

Wien – 43.200. Um so viele Einwohner ist Wien im vergangenen Jahr gewachsen. Rechnet man nur die Zuzüge in den Jahren 2013 (24.400) und 2014 (33.000) dazu, geht sich fast eine runde Zahl aus: Innerhalb von drei Jahren ist die Zahl der Einwohner um 100.600 gestiegen. Wien ist quasi seit Jänner 2013 um die Einwohnerzahl von Klagenfurt gewachsen. Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar.

Diesbezüglich steigt die Wichtigkeit des Tuns von Michael Ludwig (SPÖ) in Wien, der als Stadtrat die Bereiche Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung verantwortet. Um des Booms Herr zu werden, kündigte Ludwig an, die Neubauleistung von Wohnungen um gleich 30 Prozent zu erhöhen und damit auf jährlich 13.000 Wohneinheiten zu schrauben. Diese Zahl soll erstmals 2018 realisiert werden. Die Wohnbauoffensive bezeichnete Ludwig als "größte Herausforderung. Wir versuchen, hochqualitativen und zugleich leistbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen."

Hoffnung auf Bund-Länder-Verhandlungen

Wie das mit klammen Budgets in Zeiten von Rekordverschuldung der Stadt in Höhe von fünf Milliarden Euro zu stemmen ist, darüber will Ludwig noch keine Angaben machen. "Auf Zahlenspiele will ich mich nicht einlassen, weil das nie einlösbar sein wird." Denn einerseits besitze die Stadt einiges an Grundstücken, es werde aber sicher notwendig, zusätzliche Liegenschaften zu bevorraten, sprich anzukaufen. Zudem sollen Baukosten reduziert und Bauzeiten verkürzt werden. Ludwig rechnet aber damit, dass es "entsprechende finanzielle Mittel geben wird". Die Hoffnung liegt auf den Finanzausgleichsverhandlungen zwischen Bund und Ländern.

Um Grundstücke Bauträgern zur Verfügung stellen zu können, ist es laut Ludwig nötig, von Fall zu Fall auch städtische Grundstücke zu verkaufen. Das mache man nicht "aus Jux und Tollerei", sondern "weil wir mit den Erlösen zum Teil neue Grundstücke ankaufen oder andere finanzielle Herausforderungen abdecken". Diese Strategie deckt sich freilich nicht mit jener des grünen Koalitionspartners.

Dieser hat nämlich angekündigt, keinen Verkäufen von größeren Grundstücken im Gemeinderat mehr zuzustimmen. "Der Verkauf von Teilen des städtischen Semmelweis-Areals 2012 war mein Saulus-Erlebnis", sagt der grüne Planungssprecher Christoph Chorherr. Er fordert, dass die Stadt Grundstücke nur noch im Baurecht vergibt – und diese für sozialen Wohnbau oder für soziale Infrastruktur zur Verfügung stellt. Nach Ablauf einer festgelegten Zeitspanne – möglich sind 30, 40, aber auch 99 Jahre – fällt das Gebäude wieder dem Grundeigentümer zu.

220.000 Gemeindewohnungen "unglaublicher Schatz"

Das beträchtliche Grundeigentum der Stadt sowie die 220.000 Gemeindewohnungen bezeichnete Chorherr als "unglaublichen Schatz unserer Großeltern, den es zu erhalten gilt". Lob und Anerkennung für dieses Vermächtnis der Wiener Sozialdemokratie klingt hier durch. Leistbarer Wohnraum sei aber in Gefahr, wenn die SPÖ Grund und Boden verkaufe.

Nur noch im Baurecht zu vergeben sei schwer möglich, sagt Ludwig. "Weil wir auch Einnahmen lukrieren müssen." Chorherr erwidert darauf, dass die Stadt im Baurecht Bauzins als Einnahmequelle erhalte – und Grund behalte. Die Entscheidung Verkauf oder Vergabe von Baurecht sei laut Chorherr eine "sehr wesentliche Frage über die Zukunft der Stadt. Es wird unterschätzt, unter welchem Druck Wien derzeit steht."

Versäumnis der Stadt

Christoph Mayrhofer, Vorsitzender der Sektion Architekten in der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland, bezeichnet den sozialen Wohnbau in Wien inklusive Maßnahmen zur sozialen Durchmischung als vorbildlich. Er sieht aktuell aber ein Versäumnis der Stadt, nicht früher bei Widmungen und beim Wohnbau adäquat auf das Wachstum reagiert zu haben. "In den letzten 30 Jahren gab es nur zwei Jahre, wo kein Plus vor der Bevölkerungsentwicklung stand."

Mit dem Stadtwachstum komme die Errichtung der sozialen Infrastruktur wie Schulen nicht mit. Auf das habe man viel zu wenig Wert gelegt. Mayrhofer spricht von einer "gefährlichen Situation. Wenn das Wachstum anhält, sprengt das die Grenzen." (David Krutzler, 8.3.2016)

  • Im Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern sollen bis 2028 Wohnungen für rund 20.000 Menschen errichtet werden. Allein im vergangenen Jahr ist Wien um 43.200 Einwohner gewachsen.
    foto: christian fischer

    Im Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern sollen bis 2028 Wohnungen für rund 20.000 Menschen errichtet werden. Allein im vergangenen Jahr ist Wien um 43.200 Einwohner gewachsen.

  • Steckbrief Michael Ludwig (SPÖ)
Funktion: Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung. Ludwig folgte 2007 dem damaligen Stadtrat Werner Faymann nach.
Mitarbeiter: Rund 5900 in den zur Geschäftsgruppe zählenden Dienststellen und Magistratsabteilungen (inklusive 1518 Hausbesorger und 227 Hausbetreuer).
Budget: 869 Millionen Euro laut Budgetvoranschlag 2016 (exklusive Unternehmungen und externe Dienststellen)
    foto: matthias cremer

    Steckbrief Michael Ludwig (SPÖ)

    Funktion: Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung. Ludwig folgte 2007 dem damaligen Stadtrat Werner Faymann nach.

    Mitarbeiter: Rund 5900 in den zur Geschäftsgruppe zählenden Dienststellen und Magistratsabteilungen (inklusive 1518 Hausbesorger und 227 Hausbetreuer).

    Budget: 869 Millionen Euro laut Budgetvoranschlag 2016 (exklusive Unternehmungen und externe Dienststellen)

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