Israels Frauen: Zwischen Armee, Religion, Familie und Job eingespannt

8. März 2016, 12:31
91 Postings

Der Staat versteht sich als geschlechteregalitär. Aber die Verhältnisse sind kompliziert

Israel ist ein "orientalisches", von religiösen Traditionen geprägtes und wegen der militärischen Bedrohung "kämpferisches" Land – und doch war es seit seiner Geburtsstunde grundsätzlich geschlechteregalitär eingestellt. Die Wehrpflicht für Frauen war und bleibt selbstverständlich, in den Kibbuzim, kollektivistischen Kleinsiedlungen, wollte man die bürgerliche patriarchalische Familienstruktur aufbrechen, Golda Meir war schon 1969 Regierungschefin.

"Aber es gibt bei der Stellung der Frau noch viel zu verbessern", sagt Galia Wolloch, Vorsitzende der gewerkschaftsnahen Naamat, der größten israelischen Frauenorganisation. "In Israel lebt heute eine Generation, die Golda Meir nicht gekannt hat – und Mädchen können nur träumen, etwas zu werden, wenn sie es sehen."

"Je höher man geht, desto weniger Frauen"

Dabei gibt es in Israel durchaus Vorbilder für Mädchen: Frauen leiten den Obersten Gerichtshof und die Notenbank. Aber im Schnitt verdienen Männer immer noch um 32 Prozent mehr als Frauen. "In den niedrigen Positionen im Staatsdienst sind die Frauen in der Mehrheit", sagt Aida Tuma-Sliman, Vorsitzende des Ausschusses für Geschlechtergleichheit. "Aber je höher man geht, desto weniger werden die Frauen."

Auch in der Armee gibt es kaum Frauen in den hohen Offiziersrängen, wobei ja schon die unterschiedliche Dauer des Grundwehrdienstes – 32 Monate für Burschen, 24 für Mädchen – eine Geschlechterdiskriminierung darstellt. Zwar hat sich das Rollenbild nach und nach gewandelt, seit die israelische Offizierin Alice Miller 1995 ihre Aufnahme in einen Kampfpilotenkurs bei Gericht durchgesetzt hat. Frauen werden nicht mehr automatisch in der Küche oder im Büro eingesetzt, aber insgesamt zeigt die Armee noch immer wenig Neigung, Frauen in Kampfeinheiten zu integrieren.

Welle sexueller Belästigung

Zugleich war die Armee der Bereich, wo der Kampf gegen sexuelle Belästigungen begonnen hat. Lawinenartig wurden in den letzten Jahren Vorwürfe publik – gegen Militärs, Polizisten, Politiker, Medienleute, Künstler, Rabbiner. Viele verloren Amt und Ansehen, manche kamen vor Gericht. Ex-Staatspräsident Mosche Katzav wurde gar wegen Vergewaltigung für sieben Jahre ins Gefängnis geschickt.

Sind Israels Männer Machos der Extraklasse? "Das ist kein speziell israelisches Phänomen", meint Wolloch, "aber die Frauen sind mutiger geworden und wagen, über etwas zu sprechen, worüber sie früher nicht geredet haben."

Noch schlimmere Gewalt gegen Frauen stellen die "Ehrenmorde" dar, die in der arabischen Bevölkerung Israels immer noch vorkommen: Frauen werden von ihrem Vater oder ihren Brüdern umgebracht, um irgendeine "Schande" zu tilgen. Als arabische Abgeordnete setzt sich Tuma-Sliman für den Schutz der Frauen ein, sieht aber den "Ehrenmord" nicht als eigene Kategorie: "Wenn ein Mann seine Frau ermordet, weil sie sich scheiden lassen will, oder ein Vater seine Tochter, weil sie jemanden heiraten will, der ihm nicht passt, dann ist das das Gleiche: Beide wurden ermordet, weil sie sich dem Diktat der Männer nicht unterwerfen wollten."

Streit über eigene Partei

Ein spezifisches Problem ist, dass zu wenige arabische Bürgerinnen Israels arbeiten. 78 Prozent der jüdischen Frauen haben einen Job, aber nur 28 Prozent der arabischen. Das liegt laut Tuma-Sliman nicht nur an der konservativen Gesellschaft, sondern auch an der Infrastruktur: "Wie sollen arabische Frauen arbeiten, wenn es in ihren Dörfern keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt und keine Kinderbetreuung?"

Spiegelverkehrt ist es bei der anderen großen Separatgesellschaft Israels, den streng religiösen Juden. Hier verdienen 71 Prozent der Frauen Geld, während die Männer großteils nur Bibel und Talmud studieren. Aber auf den Listen der streng religiösen Parteien gibt es keine Frauen, sie sollen so stimmen, wie ihr Rabbiner es anordnet. Es war fast revolutionär, als streng religiöse Frauen 2015 erstmals eine eigene Partei bildeten. Sie bekam zwar nur 0,04 Prozent der Stimmen, war aber vielleicht ein Emanzipationskeim. (Ben Segenreich aus Tel Aviv, 7.3.2016)

STANDARD-Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Eine israelische Grundwehrdienerin im Einsatz bei der Untersuchung neuer Rekruten. Zwar gilt seit Staatsgründung die Wehrpflicht auch für Frauen, der Aufstieg in hohe Armeepositionen bleibt für viele aber schwer.
    foto: reuters / gil cohen magen

    Eine israelische Grundwehrdienerin im Einsatz bei der Untersuchung neuer Rekruten. Zwar gilt seit Staatsgründung die Wehrpflicht auch für Frauen, der Aufstieg in hohe Armeepositionen bleibt für viele aber schwer.

Share if you care.