Betrugsprozess: Der Kokainist, der sich aus dem Leben schoss

7. März 2016, 14:04
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Sofort nach einer Verurteilung hat ein Angeklagter weiter Geld für Wohnungen kassiert, die ihm nicht gehörten. Er gibt den Drogen die Schuld

Wien – Andreas Hautz, Vorsitzender des Schöffensenats, der über das Schicksal von Elmir L. und Samire S. entscheidet, hat mehrmals das Bedürfnis, sich die Ohren zuzuhalten. Beispielsweise als der Erstangeklagte sagt: "Das wäre nicht passiert, wenn ich in Untersuchungshaft gewesen wäre." – "Ich halte mir gerade die Ohren zu, sonst heißt es wieder, es hilft nur, wenn man die Leute einsperrt, und so ist es Gott sei Dank nicht", leidet Hautz.

Das Paar sitzt wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs hier, da es im zweiten Halbjahr 2015 von 32 Personen Mietvorauszahlungen, Kautionen oder Vertragsgebühren für die Überlassung von Wohnungen kassiert haben soll. Sowohl ihre eigene Mietwohnung als auch zwei, die ihnen aber gar nicht gehörten.

60.000 Euro Schaden

Inseriert wurde im Internet, den Interessenten legte L. bei den Besichtigungen seinen richtigen Führerschein und einen Vertrag vor, ehe er das Geld nahm. Ab dann war er nicht mehr erreichbar. In 19 Fällen half ihm S., die als Vormieterin oder seine Schwester auftrat. Laut Anklage beträgt der Schaden rund 60.000 Euro.

L. ist geständig, hat aber auch eine Erklärung: seine Kokainsucht. "Ich war sieben Jahre in einer Firma, Anfang 2014 hat mich meine Freundin mit dem Kind wegen der Drogen verlassen", schildert er dem Senat. "Das hat mein Leben komplett zerstört, es wurde immer ärger."

Der Vorsitzende will wissen, wie arg. Bis zu ein Gramm Kokain à 100 Euro habe er täglich geschnupft, lautet L.s Antwort. "Da hätten Sie mit dem Geld aber viel länger auskommen müssen", hält ihm Hautz vor. "Ich habe ja mehr gekauft und auf Partys Lines gelegt und die anderen mitziehen lassen", verdeutlicht L. seine Großherzigkeit. "Da werden sich die betrogenen Menschen besonders freuen", gibt der Vorsitzende wenig amüsiert zurück.

Bedingte Vorstrafe im Sommer

Den vor allem ein Umstand unrund macht. Denn L. wurde im Juli in Sankt Pölten bereits einmal wegen Betrugs verurteilt und kam mit 18 Monaten bedingt davon. "Und am selben Nachmittag haben Sie wieder zwei Wohnungen inseriert!", wirft Hautz dem Angeklagten vor.

"Ich habe mir gleich nach dem Gericht im Auto eine Line gezogen und bin wieder nach Wien gefahren", erinnert sich der Konventionsflüchtling. Und bringt dann das eingangs erwähnte Beispiel mit der Untersuchungshaft.

Außerdem: "Ich wusste schon vorher vom Anwalt, was für ein Urteil ich bekomme", schildert er die Praxis aus Niederösterreich. "Ich halte mir gleich wieder die Ohren zu", sagt Hautz, während seine Hände Richtung Hörorgane wandern.

"Ich habe nichts mehr gemacht", versucht der Angeklagte seine Lage zu verdeutlichen. "Ich habe keine Miete mehr gezahlt, keinen Strom, kein Gas. Ich habe mich komplett aus dem Leben geschossen."

Vorsitzendem kommen fast die Tränen

Der Vorsitzende will wissen, warum er eigentlich keine Therapie gemacht hat. "Man denkt sich, man schafft es", lautet die Antwort. Er schaffte es nicht, sein Verteidiger legt sogar den Befund aus einer Notaufnahme vor, in die L. eingeliefert worden war. "Bevor mir jetzt die Tränen kommen wegen der Leidensgeschichte: Wieso sind Sie nicht spätestens da zu einer Therapie gegangen?", fragt Hautz sarkastisch nach.

Die will er nun machen – was dazu führen könnte, dass er gar nicht ins Gefängnis kommt. Eigentlich verurteilt ihn der Senat rechtskräftig zu 18 Monaten unbedingt, dazu kommen die 18 Monate der ersten Strafe. Da das genau drei Jahre sind, kann L. einen Antrag auf Therapie statt Strafe stellen. Wird das bewilligt und er kommt von den Drogen los, wird die Strafe in eine bedingte verwandelt.

Die 20-jährige unbescholtene Mitangeklagte kommt, ebenso rechtskräftig, als Beitragstäterin mit sechs Monaten bedingt davon. (Michael Möseneder, 7.3.2016)

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