EU: Zwei Drittel aller Asylanträge wurden in nur drei Ländern gestellt

7. März 2016, 16:12
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1,25 Millionen Ansuchen wurden 2015 in der EU gestellt, die meisten davon in Deutschland, Ungarn und Schweden. Mehr als die Hälfte aller Anträge stammten von Syrern, Afghanen und Irakern. EU-weit kommen 25 Asylwerber auf 10.000 Einwohner

foto: reuters/stefanie loos
Eine Registrierstelle für Asylwerber in Berlin-Spandau.

Wien/Brüssel – Die letzten nationalen Asylbehörden haben dem EU-Statistikamt Eurostat ihre Antragszahlen für den vergangenen Dezember übermittelt, und damit lassen sich erstmals konkrete Aussagen über die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen in die Europäische Union im Jahr 2015 treffen – dem Jahr, in dem weltweit mehr Menschen auf der Flucht waren als zu jedem anderen Zeitpunkt seit dem Zweiten Weltkrieg.

1,25 Millionen Menschen und damit rund doppelt so viele wie 2014 haben im Vorjahr in EU-Staaten einen Erstantrag gestellt. Der Monat mit dem stärksten Influx war Oktober mit 166.705 Anträgen, nur unwesentlich dahinter endete der September mit 164.925 Anträgen. Die wenigsten Ansuchen wurden mit 58.820 im April gezählt.

Die meisten Asylwerber stammten aus Syrien (362.740 oder 29 Prozent), Afghanistan (178.220 oder 14 Prozent) und dem Irak (121.505 oder 10 Prozent); Staatsbürger dieser drei Länder stellten 53 Prozent aller Anträge.

Das mit Abstand bedeutendste Zielland war Deutschland (441.635 oder 35 Prozent) vor Ungarn (174.245 oder 14 Prozent), Schweden (154.960 oder 12 Prozent) und Österreich (85.360 oder 7 Prozent).

In Österreich weicht die Aufteilung der Herkunftsländer gegenüber dem europäischen Gesamtbild etwas ab. Nicht Staatsbürger Syriens mit 24.270 sondern jene Afghanistans mit 24.720 Anträgen stellten in Österreich die meisten Anträge. An dritter Stelle folgten Iraker mit 13.225 Anträgen.

Im EU-weiten Durchschnitt betrug die Zahl der Asylwerber an der Gesamtbevölkerung rund 25 je 10.000 Einwohner. In Ungarn war dieser Wert mit 177 Anträgen je 10.000 Einwohnern siebenmal so hoch, gefolgt von Schweden mit 159 und Österreich mit 99 Anträgen je 10.000 Einwohnern. Am niedrigsten war diese Zahl in Rumänien (0,55), Portugal (0,67) und Litauen (0,82). Die Zahl der Asylanträge pro Einwohner war in Ungarn demnach 318-Mal so hoch wie in seinem Nachbarland Rumänien.

Gerade im Fall Ungarns bleibt aber zu berücksichtigen, dass nur ein Teil der Asylwerber, die dort einen Erstantrag gestellt haben, auch im Land geblieben ist. Welcher Anteil dieser Personen in welchem anderen EU-Staat einen Folgeantrag gestellt haben, darüber geben die Zahlen keine Auskunft. Die Gesamtzahl der Folgeanträge betrug in der EU im Vorjahr etwa 70.000.

Ungarn mit Ziel Deutschland und Schweden umgangen

Stellt man die drei aufnahmestärksten Staaten Deutschland, Ungarn und Schweden dem Rest der EU-Mitglieder gegenüber, so wird deutlich: Der Anteil an Asylanträgen in diesen drei Staaten pendelte das ganze Jahr über konstant zwischen 58 und 67 Prozent – im Mittel waren es 62 Prozent; die anderen 25 EU-Staaten kamen gemeinsam für das restliche Drittel auf.

Daran änderte auch der Bau des Grenzzauns in Ungarn ab Juni und seine Fertigstellung im September nichts: Im selben Ausmaß, in dem Ungarn nun umgangen wurde, stieg der Anteil in Deutschland und Schweden an, während er in der Rest-EU weitgehend stagnierte.

Auffällig im Zeitverlauf war der Anteil Deutschlands an den Gesamtanträgen auch aus einem anderen Grund: Als Berlin am 25. August das Dublin-Abkommen für Syrer aussetzte – Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsstaat sollten nicht mehr automatisch in den EU-Staat abgeschoben werden, in dem sie zuerst registriert wurden –, wurde das in der politischen Debatte von vielen als "Willkommensruf" für alle Flüchtlinge und Migranten verstanden.

Tatsächlich aber war Deutschland im ersten Halbjahr 2015 und also vor dieser Entscheidung ein deutlich begehrteres Ziel. In den drei Monaten nach dem Beschluss verbuchte Deutschland ein Drittel der EU-weiten Ansuchen, während es etwa im März noch fast jeder zweite Antrag war. Im ersten Halbjahr kam Deutschland auf 40 Prozent, im zweiten Halbjahr auf 33 Prozent aller Anträge. (Michael Matzenberger, Grafik: Gerald Gartner, Markus Hametner, 7.3.2016)

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