Zu schön, zu blond, zu sexy

9. März 2016, 07:00
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Sportlerinnen verdienen weniger als Sportler und kommen weniger in den Medien vor. Und wenn, dann wird häufig ihr Aussehen thematisiert. Aber selbst schuld, wenn sie sich wie Models präsentieren. Oder?

Serena Williams muss einem nicht wirklich leidtun. Seit Jahren ist sie die dominierende Tennisspielerin. Aber die Topverdienerin im Weltsport ist ihre Konkurrentin Maria Scharapowa. Zumindest war es die Russin bis zu ihrem Dopingvergehen. Gegen Scharapowa hat Williams seit 2004 nicht mehr verloren. Den Großteil ihres Einkommens lukrierte Scharapowa aus Werbeeinnahmen. Blondes Haar, lange Beine – ein Äußeres, das sich verkaufen lässt.

foto: afp/paul crock
Maria Scharapowa ist von Beruf Tennisspielerin.

Scharapowa lag in der 2015 veröffentlichten Forbes-Rangliste der bestverdienenden Sportler und Sportlerinnen auf Position 26, Williams belegte Platz 47. Die beiden sind die einzigen Frauen in den Top-100. Dass es sich um Tennisspielerinnen handelt, ist kein Zufall. In der Sportart lässt es sich für die Besten gut verdienen. Seit 2007 ist das Preisgeld bei allen vier Grand-Slam-Turnieren für Männer und Frauen gleich hoch.

Auch in einigen anderen Sportarten wurden die Prämien angeglichen, wie in einer BBC-Studie 2014 festgestellt wurde. Allerdings vor allem in Sportarten (Ausnahme Tennis), in denen grundsätzlich nicht das ganz große Geld verdient wird.

Die geringeren Verdienstmöglichkeiten sind eine gravierende, aber bei weitem nicht die einzige Benachteiligung, der Profisportlerinnen im Vergleich zu den Männern ausgesetzt sind. Es ist fast wie ein Teufelskreis. Frauenevents werden häufig zu schlechteren Fernsehzeiten gezeigt, haben dadurch weniger Publikum, weniger Möglichkeiten, Sponsoren zu lukrieren bzw. zu präsentieren.

foto: afp/olivier morin
Lindsey Vonn ist von Beruf Skifahrerin.

Zwar werden mittlerweile fast alle Sportarten von Männern und Frauen betrieben. Populäre Sportarten wie Fußball, Eishockey oder Boxen werden allerdings nach wie vor als "Männersportarten" definiert. Hier ist die Diskrepanz in Sachen Verdienst und Medienpräsenz besonders augenscheinlich. Um auf Akzeptanz zu stoßen, würden Protagonistinnen aus männlich dominierten Sportarten, verstärkt ihre Weiblichkeit betonen, wie die Wissenschaftlerin Sylvia Nagel bereits 1999 festhielt.

Ein Beispiel dafür – wenn auch eher fremdbestimmt: der Werbesport eines Elektronikhändlers für die Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland. Zu sehen sind DFB-Spielerinnen, die zunächst kicken und sich dann Lippenstift, Puder und Wimperntusche auftragen. Die Botschaft: "Die schönste WM aller Zeiten."

Sportlerinnen sind generell viel weniger in den Medien präsent als Sportler, wie in mehreren Studien nachgewiesen wurde. "Es ist doch ein Skandal, dass in der Tagespresse nur 15 Prozent der Berichte über Sportevents und -leistungen von Sportlerinnen sind", sagt Ilse Hartmann-Tews von der Deutschen Sporthochschule Köln. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Bettina Rulofs forscht die Sportsoziologin seit Jahren zu dem Thema.

Verniedlichung und Sexualisierung

Aber nicht nur an der Quantität hapert’s, auch an der Qualität. Zwar werden Sportlerinnen nicht mehr so häufig wie früher verniedlicht ("Goldmädel", "Turnküken", "Rennmieze"), aber die Sexualisierung spielt nach wie vor eine große Rolle. "Die redaktionelle Darstellung von Sportlerinnen erfolgt zunehmend in erotischen Posen, ihr Aussehen und ihre attraktive Ausstrahlung werden zur wichtigsten Bildaussage, während die erzielte Leistung in den Hintergrund rückt", schreiben Daniela Schaaf und Jörg-Uwe Nieland von der Sporthochschule Köln in ihrem 2011 herausgegebenen Buch "Die Sexualisierung des Sports in den Medien".

foto: michael neumann
Jasmin Ouschan ist von Beruf Billardspielerin.

Die sexualisierte Darstellung beschränkt sich nicht auf Fotos, auch in der Sprache werden in Medien äußere Aspekte von Sportlerinnen hervorgehoben. Jasmin Ouschan kennt sich damit aus. Die Billardspielerin wird etwa "hübsche Kärntnerin" oder "attraktive Blondine" genannt. Die 30-Jährige sieht es als Kompliment, wenn sie als attraktiv wahrgenommen wird. "Aber", sagt sie dem Standard, "ich möchte nicht auf mein Aussehen reduziert werden." Gelegentlich macht die 30-Jährige Fotoshootings. Allerdings setzt sie Grenzen. "Ich wurde schon einmal gefragt, ob ich mich auf den Billardtisch lege. So etwas mache ich nicht.

Inszenierung abseits des Sports

Wie Maria Scharapowa ("Tennis-Pin-up") lukriert auch die derzeit verletzte Skirennfahrerin, Lindsey Vonn, einen großen Teil ihres Verdienstes über Werbeeinnahmen. Vonn weiß sich in Szene zu setzen. Nach Skirennen lächelt sie perfekt geschminkt in die Kameras, sie macht Fotoshootings für Magazine und erscheint auf Veranstaltungen schon einmal im hautengen Minikleid. Die Google-Bildersuche nach "Lindsey Vonn" lässt kaum darauf schließen, dass es sich bei der US-Amerikanerin um eine Skifahrerin handelt. Und in die sportliche Berichterstattung mischt sich schon einmal ein Vonn-Foto im Abendkleid.

foto: google screenshot, 7.3.2016
Google-Bildersuche nach "Lindsey Vonn": Eine Frau im Abendkleid, eine Frau im Minikleid, eine Frau im Bikini – aber wer ist die Frau mit Haube und Ski?

Also, wenn sich die "attraktiven Blondinen" als solche darstellen, sind sie dann selbst schuld, wenn mehr über ihr Aussehen, als über ihre sportliche Leistung berichtet wird? "Profi-Sportlerinnen sind sehr jung und kennen sich in der kommerzialisierten Sport-Medien-Wirtschafts-Allianz nicht aus", sagt Daniela Schaaf dem Standard. "Sie vertrauen daher ihren Managern und Trainern, die sie oftmals zu solchen Foto-Shoots drängen." Den Preis für die Kommerzialisierung ihres sportlichen Erfolgs würden allerdings nur die Sportlerinnen zahlen. "Dabei können die errungenen Titel in Vergessenheit geraten, während die Nacktaufnahmen im ewigen Gedächtnis der medialen Öffentlichkeit bleiben."

Reglementierte Bikinihöschenbreite im Beachvolleyball

Aber nicht nur Sportlerinnen und Medien setzen auf das Potenzial der weiblichen Seite des Sports. Auch Sportverbände versuchen so mehr Interesse zu lukrieren. Beispiel Beachvolleyball: Bis 2012 wurde die Breite der Bikinihöschen mit maximal sieben Zentimetern reglementiert. Beispiel Fußball: Der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter schlug 2004 vor, dass Fußballerinnen engere Kleidung tragen sollten.

Sex sells. Beachvolleyball wird gern geschaut. Sexy Sportfotos werden gern geklickt. Was aber, wenn Sportlerinnen keine Models sein wollen, weil sie Schönheitsidealen angeblich nicht entsprechen? Beispiel Marion Bartoli. Nachdem die französische Tennisspielerin 2013 Wimbledon gewann, verstieg sich ein BBC-Kommentator zu der Äußerung: "Ich frage mich, ob ihr Vater zu ihr gesagt hat, als sie 12, 13, 14 Jahre alt war: 'Du wirst nie eine Schönheit sein. Du wirst keine Scharapowa, du wirst nie 1,80 groß sein, du wirst nie lange Beine haben, also musst du das kompensieren."

Eine Sexismusdebatte war entflammt. Der BBC-Kommentator entschuldigte sich. Bartolis Antwort: "Habe ich davon geträumt, einen Model-Vertrag zu bekommen? Nein, tut mir leid. Habe ich davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen? Ja, absolut." (Birgit Riezinger, 9.3.2016)

Literatur zum Thema:

Mediensport und Geschlecht (Johanna Dorer)

Die Sexualisierung des Sports in den Medien (Daniela Schaaf, Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.)

Women Are Seen More than Heard in Online Newspapers (Studie)

Wir zeigen andere Bilder von Frauen (Bettina Rulofs)

STANDARD-Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
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