Zeitungsredakteurin wegen zweideutiger Schlagzeile entlassen

7. März 2016, 15:16
19 Postings

Ein Zitat Xi Jinpings und eine Todesmeldung – In der Kombination zweier Schlagzeilen sahen Leser subtile Regierungskritik. Jetzt muss die verantwortliche Redakteurin gehen

Genaugenommen kostete Liu Huxia eine Frage des Layouts ihren Job. Sie betreute am 20. Februar die Titelseite der südchinesischen Tageszeitung "Southern Metropolis News". Hauptschlagzeile war ein Zitat des chinesischen Präsidenten Xi Jinping: "Die Partei- und Regierungsmedien sind die Grundlage für öffentliche Bekanntmachungen und müssen mit Nachnamen 'Partei' heißen."

Ein Foto direkt darunter zeigte, wie die Asche des bekannten Reformisten Yuan Geng im Meer verstreut wurde. Daneben stand in einer weiteren Überschrift "Die Seele kehrt ins Meer zurück".

Schriftzeichen werden im modernen Chinesisch normalerweise horizontal gelesen, man kann sie aber auch vertikal lesen, vor allem im literarischen Kontext. In der Anordnung der zwei Überschriften sahen somit viele Leser ein verstecktes "Gedicht" auf dem Cover. Grob übersetzt lasen sie: "Die Medien, deren Nachname Partei ist – ihre Seelen kehren ins Meer zurück."

Viele User lasen also Parteikritik in Gedichtform: Die Allmacht der Partei über das Mediensystem in China führe zu dessen Untergang. In Weibo und anderen sozialen Netzwerken mutmaßten sie darüber, ob die Schlagzeilen etwa mit Absicht zweideutig gesetzt wurden.

Schlagzeile mit Folgen

Wie nun bekannt wurde, musste Liu Huxia ihren Sessel räumen. Der Chefredakteur der Zeitung musste ein Entschuldigungsschreiben vorlegen, sein Stellvertreter wurde abgemahnt.

Die betroffene Redakteurin betont, dass sie die Schlagzeilen nicht absichtlich arrangiert hat. Ein anonymer Kollege unterstützt sie: "Jeder weiß, dass das ein Karriereselbstmord wäre."

David Bandurski von der University of Hongkong erklärt, dass es in China eine lange Tradition subversiver Gedichte gäbe. Natürlich würde sich niemand offen dazu bekennen, sagte er im Gespräch mit der "New York Times". "Dieses Gedicht war so subtil, dass es die sozialen Medien brauchte, um es in ein Phänomen zu verwandeln."

Zhang Lifan, Analyst aus Peking, sieht wiederum eine überzogene Reaktion der User und auch Entscheidungsträger. Gegenüber der "South China Morning Post" sieht er sich an die Tage der Kulturrevolution zurückerinnert. Der besagte Artikel ist momentan in China gesperrt.

Seit 5. März findet in Peking der jährliche Parteikongress statt. Die Wochen davor gelten als politisch besonders sensibel. (saw, 7.3.2016)

  • Artikelbild
    foto: screenshot twitter
Share if you care.