Nobelpreisträgerin Alexijewitsch sieht neuen Kalten Krieg

7. März 2016, 10:52
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Der Nationalismus in Russland nehme ständig zu

Köln/Moskau – Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat sich pessimistisch über die künftige Entwicklung Russlands geäußert. "Man hat manchmal das Gefühl, dass nach Putin hinter seinem Rücken noch viel härtere Menschen zum Vorschein kommen", sagte die Schriftstellerin am Sonntagabend bei einer Lesung in Köln.

"Man soll ja eigentlich an den Menschen glauben, aber mir ist dieser Glaube irgendwie abhanden gekommen." Der Nationalismus in Russland nehme ständig zu, dazu komme ein Gerede vom Dritten Weltkrieg. "Ich glaube, wir stehen am Anfang eines Kalten Krieges", sagte die 67-Jährige.

Fragile Demokratie

Künstler wie sie hätten sich seit Beginn der Perestroika unter Gorbatschow 20 Jahre lang eingeredet, dass nun die Entwicklung zur Demokratie eingesetzt habe und unumkehrbar sei. Doch diese Entwicklung sei immer nur von einer kleinen Gruppe an der Spitze vorangetrieben worden, nicht vom Volk. Das Volk habe 20 Jahre lang geschwiegen und erst wieder reagiert, als Putin die alten Parolen propagiert habe: "Wir brauchen das große Russland" und "Wir sind von Feinden umzingelt."

Die Künstler in Weißrussland und Russland seien es gewohnt, in Konflikt mit Politikern wie dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko und Putin zu stehen. "Aber in Konflikt mit dem Volk zu stehen, das ist etwas anderes." Verhängnisvoll sei die Rolle der Kirche, die mit christlichen Werten nichts zu tun habe: "Das ist eine Kirche, die ein Teil der Macht ist."

Alexijewitsch, die im vergangenen Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, spürt in Büchern wie "Secondhand-Zeit" den bitteren Folgen der Sowjetherrschaft nach. 2013 hatte sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. (APA, 7.3.2016)

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