Journalisten und Publikum sägen an den Ästen, auf denen sie sitzen

Blog7. März 2016, 14:00
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Marlis Prinzing fordert einen Journalismus, der sich bewusst seinem Publikum zuwendet und Zweifel, Ängste und Sorgen ernst nimmt

Verlogen, unglaubwürdig, verwöhnt: So werden Journalisten heute taxiert. Sie werden alle in einen Topf geworfen, ihre Arbeit scheint wertlos, beliebig und ein Ärgernis. Das muss aufhören. Medienpublikum, Medienmanager, Medienforscher und Journalisten sägen derzeit selber an den Ästen, auf denen sie sitzen.

Gewiss gibt es Journalismus, der über die Stränge schlägt oder abgehoben ist. Und es gibt zu viele Journalisten, die selbstgefällig sind, keine Fehler zugeben und sich diebisch freuen, wenn sie einen anderen in die Pfanne hauen können.

Das sei nicht kleingeredet, aber ins Verhältnis gesetzt. Wir wissen, dass es Banker gibt, die in die eigene Tasche wirtschaften und zahllose Kunden ruinieren, Automobilclubs, die Ranglisten manipulierten, Unternehmer, die mit illegalen Abschalteinrichtungen Abgasnormen umgingen, Politiker, die politische Gegner ausspionierten, korrupte Fußballfunktionäre, quacksalbernde Ärzte, Winkeladvokaten. Und wir wissen das alles oft gerade, weil es eben neben schwarzen Schafen noch andere Journalisten gibt.

Ende Februar wurde "Spotlight" mit einem Oscar ausgezeichnet: ein Film über eine Recherche, die die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche in Boston enthüllte. Für diese Recherche gewann das Investigativteam des "Boston Globe" Jahre zuvor einen Pulitzerpreis.

Medien, die uns Arenen öffnen

Doch nicht nur der Enthüllung von Missständen wegen müssen wir eine Lanze brechen für einen aufklärenden, verantwortungs- und werteorientierten Informationsjournalismus. Wir brauchen Medien, die uns Arenen öffnen, in denen wir um die besten Argumente ringen und diskutieren, wie wir künftig in unserer Gesellschaft leben wollen. Hören wir auf, an Ästen zu sägen, und fordern wir einen Journalismus ein, der sich bewusst seinem Publikum zuwendet, der Zweifel, Ängste und Sorgen ernst nimmt und auch konstruktiv aufzeigt, wie Probleme gelöst werden können.

Diese Forderung richtet sich an fünf Adressen:

  • Erstens sägt die Medienwissenschaft an ihrem Ast, wenn sie lieber Laborsituationen erforscht, statt viel öfter aufzutreten als kritische Instanz, die kontinuierlich überprüft, wie es um die Qualität der Medien nicht nur in Bezug auf den Markt, sondern auch in Bezug auf die Demokratie bestellt ist. Sie sollte zudem das digital publizierende Publikum noch differenzierter erforschen – Beispiele hierfür gibt es, etwa das sinnig mit "Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums" überschriebene Projekt des Hans-Bredow-Instituts zu neuartigen Formen der Publikumsbeteiligung.

  • Zweitens sägen die Medienunternehmen an ihrem eigenen Ast, wenn sie unternehmensethische Maßstäbe ignorieren, indem sie Redaktionen und freien Journalisten prekäre Arbeits- und Produktionsbedingungen zumuten, die dazu beitragen, dass mehr Fehler passieren sowie Marke und Produkt Glaubwürdigkeit einbüßen.

  • Drittens sägt die Medienselbstkontrolle an ihrem eigenen Ast, wenn sie nicht endlich Handlungsempfehlungen erarbeitet, mit denen sie sich auch in der digitalen Gesellschaft eine bedeutsame Stimme verschafft. Eine im Jänner veröffentliche Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet versteht sich als Wegbereiter eines Digitalen Kodex für den Umgang mit Big Data, also mit Anwendungen, bei denen computergestützt große Datenmengen analysiert werden, und spiegelt damit zugleich das Versäumnis der Medienselbstkontrolle. Big Data und Digitaltechnik verändern die öffentliche Kommunikation, doch sprechen Pressekodizes bislang viele drängende Themen nicht an: datengetriebene Recherche, Umgang mit Hyperlinks, Algorithmen, Archivierung – die Liste ist lang. Indem wir unaufhörlich Daten produzieren, werden wir immer mehr überwachbar und abhängig; auch da müsste ein Kodex als ethischer Kompass Orientierung schaffen.

  • Viertens sägen die Journalisten insbesondere dann an ihrem Ast, wenn sie nicht dringend die Moderation der Publikumsdialoge professionalisieren und ebenfalls differenzieren. Das Branchenmagazin "Journalist" veröffentlichte in Heft 3/2016 Ergebnisse einer Umfrage zum Umgang mit den Kommentarfunktionen in deutschen Medienhäusern.
    Fazit: Fast jede zweite Redaktion schränkt die Kommentarfunktion ein, meist mit der Begründung, die Moderation sei zu aufwendig, die Zahl der pöbelnden Kommentare zu hoch. Doch Abschalten ist keine Lösung, die Moderation der öffentlichen Debatte gehört zum Job; aber es gehört auch zum Job, hasserfüllte Kommentierende anzuzeigen. Und das Publikum darf durchaus erwarten, dass ihm erklärt wird, weshalb eine Redaktion auf eine bestimmte Weise an ein Thema herangeht.

  • Fünftens sägt auch das Publikum an seinem Ast, wenn es den Wert des aufklärenden Journalismus für jeden von uns nicht erkennt. Gerade in der zunehmend digitalen Mediengesellschaft sollten wir konstruktiv diskutieren, wie wir zusammenleben wollen. Statt weiter zu sägen, bis der Baum fällt. (Marlis Prinzing, 7.3.2016)

Marlis Prinzing ist Professorin für Journalistik an der Macromedia-Hochschule in Köln. Medienethik unterrichtet sie auch an der Universität Fribourg (Schweiz). Die Autorin und Moderatorin ist Herausgeberin der Praxisbuchreihe "Journalismus-Atelier", in der zuletzt die Bände "Recherche im Netz" und "Die Kunst der Story erschienen. Zu ihren Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören auch Internationale Journalismuskulturen und Medieninnovation.

  • Marlis Prinzing: "Wir brauchen Medien, die uns Arenen öffnen, in denen wir um die besten Argumente ringen und diskutieren, wie wir künftig in unserer Gesellschaft leben wollen."
    foto: privat

    Marlis Prinzing: "Wir brauchen Medien, die uns Arenen öffnen, in denen wir um die besten Argumente ringen und diskutieren, wie wir künftig in unserer Gesellschaft leben wollen."

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