Karin Mayr-Krifka: Und jetzt winken die Kinder zurück

7. März 2016, 17:30
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Als Mädchen wollte Karin Mayr-Krifka immer "klein und lieb sein". Geworden ist sie eine der schnellsten Sprinterinnen der Welt. "Mit mehr System ", sagt die heute 44-jährige Mutter dreier Kinder, "wäre in meiner Karriere aber noch mehr möglich gewesen. "

Wien – Dass der Lift direkt in beide Stockwerke von Karin Mayr-Krifkas Dachgeschoßwohnung in Ottakring führt, freut vor allem den verschwitzten Gast. Spielsachen wegräumen, Staubsauger ausstecken, dem Installateur die Tür aufmachen, dafür spurtet Mayr-Krifka natürlich die Stiegen rauf und runter. Und wie. Nach Anreise mit dem Fahrrad ist die Aussicht vom Balkon, am Fuße des Schlosses auf dem Wilhelminenberg, dann auch an einem trüben Tag ein Traum.

"Mir tut nichts weh", sagt Karin Mayr-Krifka, 44 Jahre alt und eine der besten Sprinterinnen in der Geschichte der österreichischen Leichtathletik. Nur das linke Handgelenk ist ramponiert, Liegestütz und Handstand gehen halt nicht mehr. An eine Profikarriere hatte Mayr-Krifka als Mädchen nie gedacht, es gab auch keine großen Träume. "Das ist mir einfach passiert." Ihre Paradestrecke waren die 200 Meter. Über diese Distanz gewann sie Hallen-WM-Bronze (2004, Budapest) und zweimal Hallen-EM-Silber, nämlich im Februar 2002 im Wiener Dusika-Stadion und 2005 in Madrid. Die Heim-Medaille hat sie besonders in Erinnerung. "Weil mich die Leute damals wirklich ins Ziel getragen haben."

Wie eine Rakete

Aus dem Startblock ist sie wie eine Rakete geschossen, aber im Leben war die Niederösterreicherin eine Spätstarterin. Täglich trainiert wurde erst mit 19 Jahren, bei ihren ersten Olympischen Spielen in Sydney 2000 war sie 29 Jahre alt. Ein Genuss war es nur bedingt, in Australien war Mayr-Krifka im Feld der 70 Läuferinnen eine, die damals "daneben" hauptberuflich gearbeitet hat. Für die Spiele in Australien ging ihr ganzer Jahresurlaub drauf. Der Schritt Richtung Profisport kam spät. "Mit mehr System wäre mehr möglich gewesen." Mit 34 Jahren bekam sie ihr erstes von mittlerweile drei Kindern.

In ihrem Geburtsort St. Valentin ging Mayr-Krifka als Kind in den Turnverein, weil es ganz normal war, zum Mutter-Kind-Turnen zu kommen. Als Pubertierende, die bald eine Größe von 1,79 Metern erreichen sollte, wechselte sie später zur Leichtathletik und zum USC Linz, wo sie spielend laufen und springen lernte. "Ich hatte schon immer ein großes Kraftpotenzial, in der Schule ist nur ein Bursch schneller gewesen als ich."

"Was man hat, das hat man"

Die Lebensplanung sah ursprünglich anders aus. Nach der Lehre bei einem Friseur in Haag sollte sie das Geschäft ihrer Oma übernehmen. Daraus wurde aber nichts, die fixen Arbeitszeiten waren ein echtes Handicap fürs Training. Es folgte nach einem Job bei einer Hausverwaltung die Umschulung zur Bankangestellten. Lehre statt Schule, diese Entscheidung hat sie aber niemals bereut: "Was man hat, das hat man."

Der Wunsch, eine eigene Familie zu gründen, war stets stark. "Ich wollte immer drei Kinder haben." Ihren Mann, Gerfried Krifka, lernte sie auf der Laufbahn kennen, gemeinsam trainierte man beim SVS Schwechat. Das Thema Sport ist in der Familie naturgemäß ein großes. Wenn die Leichtathletik-Bewerbe in Rio im Sommer in Szene gehen, dann wird der Fernseher den ganzen Tag rennen. "Wenn die Kinder die Mama im TV sehen wollen, dann leg ich halt eine alte DVD ein. Und wenn ich dann in die Kamera winke, dann winken sie zurück."

Christiane (10), Felix (8) und Max (6) betreiben in moderatem Ausmaß Judo und Leichtathletik. Sie haben die Gene der Eltern, sollen Spaß haben an der Bewegung. Ob sie sich eine Sportkarriere mit allen Höhen und Tiefen für ihre Kinder wünscht? "Warum nicht? Ich bringe Verständnis mit, habe Erfahrung mit Druck und Kritik, kann einiges weitergeben."

Die Kurve schlecht erwischt

Olympische Spiele 2004 in Athen: Die Enttäuschung ist groß, als über 200 Meter bereits in der Zwischenrunde Schluss ist. Im Vorlauf läuft die 45-fache österreichische Staatsmeisterin mit 22,81 Sekunden noch eine Fabelzeit, nur elf Hundertstel über einem ihrer sieben noch immer bestehenden ÖLV-Rekorde. Am Ende wird sie 18., "weil sie die Kurven schlecht erwischt hat", wie der Gatte konstatierte.

In ihrer sportlich erfolgreichsten Zeit bewegte Karin Mayr-Krifka Muskelberge, der Bizeps, die Schenkel, der durchtrainierte Bauch stachen ins Auge. Leichtathletik-Veranstaltungen sind immer auch Messen des Körperkults. War das schon damals in Zeiten extrem schlanker Schönheitsideale too much? "Ich hab das nie so schlimm empfunden. Ich bin schon noch eine Frau, haben sie damals am Start zu mir gesagt. Das ist mir wichtig gewesen. Aber auf manchen Fotos habe ich mir nicht gefallen."

Der Traum von der Halle

Zeit zum Abtrainieren war nach der Karriere keine, "weil ich ja gleich schwanger geworden bin". Drei Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes stand sie schon wieder auf der Tartanbahn. Es war nur ein kurzes Comeback. Mit 35 Jahren folgte der Rücktritt zum richtigen Zeitpunkt. "Es gab keinen Tag, an dem ich wieder auf die Laufbahn zurückwollte. Ich habe mir alle Wünsche im Leben erfüllt." Heute macht sie regelmäßig Nordic Walking, leitet in Schwechat das Nachwuchsstaffeltraining und rennt manchmal Teilstrecken mit. Vom Laufen konnte Mayr-Krifka ebenso wenig leben wie jetzt vom Trainerjob. Unterstützung gab es von der Sporthilfe und gibt es immer noch von Gerfried, der Geschäftsführer einer Wertpapierfirma ist.

Der große Traum ist der von einer großen Halle in Wien, wo Kinder spielerisch Leichtathletik lernen können. Heutzutage gehen alle Burschen in den Fußballverein. "Dabei gibt es so viele andere schöne Sportarten." Was heute noch auf dem Programm steht? "Trainingsplanung, eine Geburtstagsparty, Kinder ins Bett bringen und eine Gutenachtgeschichte." (Florian Vetter, 7.3.2016)

  • Karin Mayr-Krifka hat eine WM-Bronze- und zwei EM-Silbermedaillen über 200 Meter erlaufen. Aber: "Es wäre mehr möglich gewesen."
    foto: apa/techt

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  • Mayr-Krifka: "Fühle mich nicht viel anders als vor zehn Jahren."
    foto: vetter

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