Idomeni: Nur wer eine Nummer bekommt, kann weiterreisen

Reportage6. März 2016, 17:35
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Das Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze ist überfüllt. Nur wenige Iraker und Syrer dürfen pro Tag über die Grenze

Er spricht feinstes Oxford-Englisch. "I have to complain", sagt Yasin R. aus Latakia. "Wir sind vom Hunger geflohen, und jetzt sind wir hier und müssen uns stundenlang um Essen anstellen." Der 23-Jährige ist allein mit seinem 15-jährigen Bruder im Lager in Idomeni. Er hängt wie tausende andere Syrer und Iraker seit vielen Tagen an der mazedonischen Grenze fest.

Seine Eltern haben ihr Haus verkauft, um den Söhnen den Weg zu ebnen. Auf der Flucht an der syrisch-irakischen Grenze hat Yasin ein totes Kind gesehen. Das Bild hat sich eingebrannt. Yasin muss sich dauernd daran erinnern. Nur wenn der Literaturstudent beginnt, über seinen Lieblingsautor Tennessee Williams zu sprechen, dann entspannen sich seine Gesichtszüge.

foto: apa/afp/dimitar dilkoff
An der griechisch-mazedonischen Grenze warten die Flüchtlinge, um weiter zu kommen. Nur wer eine Nummer bekommt, darf den Zaun hinter sich lassen.

Yasin hat die Nummer 83. Eine Nummer zu haben bedeutet in Idomeni, Hoffnung zu haben, dass man bald über die Grenze kann. 200 Leute werden etwa pro Tag hinübergelassen. Jeweils etwa hundert Leute haben dieselbe Nummer. Yasin und sein Bruder haben sich darauf eingestellt zu warten. "Es gibt nur ein paar Troublemaker hier", sagt er. "Die meisten wollen damit nichts zu tun haben und sind ganz ruhig."

Die Leute, die vergangene Woche das Gittertor stürmten, hätten das nur getan, weil sie keine gültigen Papiere hätten und nicht über die Grenze gelassen werden, erklärt er. Viele andere Flüchtlinge haben tatsächlich von der Aktion nichts mitbekommen. Sie wissen auch, dass es sinnlos ist, wenn man den Zaun niederreißt.

foto: reuters/marko djurica
Flüchtlinge bei der Verteilung von Brennholz.

Orte medialer Inszenierung

Doch Orte wie Idomeni sind und waren in den letzten Monaten auch Orte der medialen Inszenierung. Allein die Tatsache, dass Journalisten da sind, ändert zuweilen das Verhalten mancher Flüchtlinge. Und Fotos und Filme vom Tränengaseinsatz beeinflussen die Stimmung in den Aufnahmestaaten. Kurz nach dem Tränengaseinsatz schrieben Migranten auf ein Banner: "Sie haben unser Baby getötet", war am Grenzzaun zu lesen. Auch dieses Motiv ist nicht neu. Das Gerücht, dass ein Baby durch Tränengas gestorben sei, wurde in den vergangenen Monaten immer wieder gestreut.

foto: apa/afp/dimitar dilkoff
Im griechischen Dorf Idomeni nahe der mazedonischen Grenze werden Zelte um 35 Euro verkauft. Die Flüchtlinge stellen sie zu den größeren des UN-Flüchtlingshilfswerks und auf die Felder darum.

Die griechisch-mazedonische Grenze ist die wichtigste auf der gesamten Balkanroute. Denn hier werden alle ganz genau kontrolliert. Die Filtermechanismen wurden in den vergangenen Monaten immer enger. Und auch der Zaun – mittlerweile wurde er verdoppelt – hält die Migranten ab.

Allein bis Mitte Februar – damals durften die Afghanen noch durch – wurden 7.579 Migranten hier zurückgeschickt. 3.202 hatten laut dem mazedonischen Innenministerium gefälschte Ausweise. Nun ist das Flüchtlingslager in Idomeni heillos überfüllt. Man muss sich ewig anstellen, um einen Tee zu bekommen. Im Dorf werden Zelte um 35 Euro verkauft, die zwischen den großen Zelten des UN-Flüchtlingshilfswerks und auf dem Feld platziert sind.

foto: apa/afp/dimitar dilkoff
Flüchtlinge sitzen und campieren an den Bahngleisen. An den Schienen des Bahnverkehrs gibt es ein Gittertor im Grenzzaun.

In der Nacht sitzen die Flüchtlinge gern rund um ein Lagerfeuer, viele kochen ihr Essen selbst. Doch in den vergangenen Tagen hat der Regen die Erde aufgeweicht. Trotz aller Not ist die Situation dennoch besser als zu Beginn der Flüchtlingskrise, als es hier praktisch gar keine Hilfe gab.

Fluchtroute über Patras

Asoo Ahmed aus Kirkuk will aber nicht mehr lange warten. "Wenn ich in zwei Tagen nicht hier drüberkomme, fahre ich nach Patras, und von dort nehme ich das Schiff nach Italien", sagt der 38-Jährige. Ahmed ist einer der ganz wenigen Flüchtlinge, der partout nicht nach Deutschland will. Er wurde 2003 von dort abgeschoben. Nun versucht er wieder sein Glück – diesmal will er aber nach Spanien. Mit seiner Heimat, dem Irak, hat er innerlich abgeschlossen. "Die Politiker sind dort alle Diebe", sagt er. (Adelheid Wölfl, 6.3.2016)

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