Gunilla Heilborn und Dewey Dell: Tanz gegen die Entmündigung

6. März 2016, 17:33
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Aufführungen beim Festival Imagetanz im Brut-Theater zum Verhältnis Mensch-Maschine

Wien – Wer in London Taxifahrer werden will, muss sich rund 50.000 wichtige Orte im Straßengewirr der Stadt merken. Und wie man auf kürzestem Weg dorthin kommt. Dauer der Ausbildung: drei bis fünf Jahre. Die schwedische Choreografin Gunilla Heilborn hat das vor Ort recherchiert und mit Fahrerinnen und Fahrern gesprochen.

Für ihr Stück The Knowledge, das am Wochenende bei Imagetanz im Brut-Theater zu sehen war, erfragte die Künstlerin bei Neurowissenschaftern, wie sich dieses Lernen auf das Gehirn auswirkt. Die Antwort war deutlich: Bei den gedächtnistrainierten Taxlern wies der Hippocampus – jener Teil des Gehirns, der für die Bestandsicherung des Gedächtnisses verantwortlich ist – ein deutliches Wachstum auf. In den Gehirnen von GPS-Benutzern dagegen tat sich "very little".

Gelähmte menschliche Fähigkeiten

Die Resultate akribischen Nachforschens fügt Heilborn mit poetischer Eleganz zu einem größeren Mosaik, das zeigt, wie bestimmte technische Dienstleistungen ihre Nutzer abhängig machen und menschliche Fähigkeiten lähmen. Das GPS ist bekanntlich bis heute eine Einrichtung des US-amerikanischen Militärs. An solche Fakten muss immer wieder erinnert werden.

Gunilla Heilborn geht es in The Knowledge um das Gedächtnis – und um Navigation, die wiederum als Teil von Mnemotechniken bedeutend ist. Mit locker strukturierter Detailfülle und spielerischem Humor strickt sie aus Text, Bildern, Objekten, Video und ein wenig Tanz eindringliche Bewegungsmuster über das Wissen vom Wissen und damit über Bildung an sich. Dabei kommt sie ganz ohne didaktische Überfrachtung aus.

Technische Hilfsmittel sind klarerweise nicht per se Auswüchse eines Reichs der Finsternis. Man kann sie auch gegen ihre lähmende Wirkung einsetzen. In diesem Sinn verbindet etwa die junge Gruppe Dewey Dell aus Cesena vier Körper mit ihrem elektronischen Soundequipment.

Wer dient hier wem?

Bei Imagetanz zeigte sie am Samstag während ihrer so heißen wie düsteren Konzertperformance Dewey Dell (live), wie das geht. Dabei verwandelte sich im engen Raum der Brut-Bar das Verhältnis zwischen Musikmachen und Tanzen in etwas Neues: kein Tanz zur Musik, auch keine Musik, die den Tanz kommentiert, sondern ein Zusammenschluss von Mensch und Maschine in klarer Demonstration, dass Zweitere dem Ersteren dient und nicht umgekehrt.

Dewey Dell sind die Geschwister Teodora, Agata und Demetrio Castellucci – ja, Regisseur Romeo ist der Vater – und Eugenio Resta. Die nach einer Figur aus William Faulkners Roman Als ich im Sterben lag benannte Company hat seit ihrer Gründung vor neun Jahren mehrere Performances produziert, darunter das sensationelle, 2013 beim Steirischen Herbst uraufgeführte Stück Marzo. Ihr erster Wien-Auftritt war jetzt auch ein voller Erfolg. (Helmut Ploebst, 7.3.2016)

  • Gunilla Heilborn thematisiert das Verhältnis Mensch-Maschine.
    foto: palats ludvig

    Gunilla Heilborn thematisiert das Verhältnis Mensch-Maschine.

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