Apple, das FBI und die absurde Geschichte vom iPhone-"Cybererreger"

6. März 2016, 13:25
29 Postings

Staatsanwalt sorgt mit neuer Behauptung für Verblüffung unter Sicherheitsexperten

Die Auseinandersetzung zwischen Apple und dem FBI rund um das iPhone eines der Attentäter von San Bernardino ist um eine Episode reicher. Und zwar um eine, die bei vielen Experten zu ratlosem Staunen führt. Werden doch die Argumente von Behördenseite, warum gerade dieses Gerät so wichtig ist, immer "kreativer".

Cyber-Erreger?

In einem Unterstützerbrief für die Position des FBI, bringt Bezirksstaatsanwalt Michael Ramos nun nämlich eine unerwartete Perspektive in die Diskussion ein. Laut Ramos könnte auf dem betreffenden Gerät nämlich ein "schlafender Cybererreger" ("lying dormant cyber pathogen") herumliegen. Und diesen gelte es aufzuspüren und zu analysieren.

Ungläubige Reaktionen

Leider versäumt Ramos dabei sowohl zu erklären, was das eigentlich genau sein soll oder wieso sich so ein Ding (gemeint ist wohl irgendeine Art von Schadsoftware) ausgerechnet auf diesem Gerät befinden soll. Hinweise in diese Richtung gab es bisher jedenfalls noch keine, auch Ramos kann keinerlei Indizien liefern.

Nicht durchdacht

Unter Sicherheitsexperten sorgt diese Argumentation aber auch aus einer anderen Perspektive für Verblüffung. Unterstützt sie doch bei genauerer Betrachtung nicht die Position des FBI, wie Jonathan Zdiarski in einem Blogeintrag betont. Würde sich nämlich ein Virus auf dem Gerät befinden, der das Netzwerk angreifen könnte, bräuchte es gar nicht die Hilfe von Apple. So eine Art Schadsoftware ließe sich nämlich nur betreiben, wenn das Gerät zuvor einem Jailbreak unterzogen wurde, und das bedeutet, dass die Sicherheitsmechanismen von Apple ohnehin schon ausgehebelt wurden.

Die Harry-Potter-Connection

Wie Ramos zu dem in Sicherheitskreisen vollkommen unbekannten Ausdruck "Cyber Pathogen" gekommen ist, ist eine ebenfalls sehr interessante Frage. Eine Google-Suche nach dem Begriff lieferte jedenfalls bis vor kurzem noch als ersten Eintrag einen Link auf Harry-Potter-Fan-Fiction.

Hintergrund

In der Auseinandersetzung um das betreffende iPhone geht es im Kern um die Frage, ob ein Softwarehersteller auf Wunsch der Behörden die Sicherheit der eigenen Software bewusst schwächen muss. Das FBI spricht in diesem Fall von einem "Einzelfall", Apple sieht hier hingegen einen gefährlichen Präzedenzfall, und wird in dieser Position auch von anderen Größen der Branche wie Google und Microsoft unterstützt.

Relevanz?

In Hinblick auf den konkreten Fall zweifeln Experten zudem an, dass sich auf dem betreffenden iPhone überhaupt relevante Daten befinden. Immerhin handelt es sich dabei nur um ein Arbeitsgerät des Attentäters, von dem Backups bis wenige Wochen vor dem Angriff vorliegen. Zudem hatten die Attentäter einigen Aufwand betrieben, um ihre Privat-Smartphones und -Computer vor dem Terroranschlag zu zerstören. Dass sie hier auf dieses eine Gerät vergessen, erscheint da unwahrscheinlich. (apo, 6.3.2016)

  • Apple-Chef Tim Cook. Amüsiert.
    foto: jeff chiu / ap

    Apple-Chef Tim Cook. Amüsiert.

Share if you care.