Apotheker fühlen sich todkrank

4. März 2016, 17:23
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Ein Drittel der Betriebe sieht sich in den roten Zahlen. Die Branche pumpt die öffentliche Hand um Geld an. Kritiker sprechen von Jammern auf hohem Niveau

Wien – Nein, Pleitewellen habe es bisher keine gegeben, sagt Sven Abart, Direktor des Apothekerverbandes. "Wir haben Gott sei Dank Auffangmechanismen, die Solidarität in der Branche ist sehr hoch." Dass es um freie Konzessionen ein Griss gibt, liegt aus seiner Sicht an falschen Vorstellungen über den Berufsstand: Wie schlecht es um diesen bestellt sei, habe sich eben noch nicht herumgesprochen.

Die österreichischen Apotheker ließen sich nun ein Attest über ihr finanzielles Befinden ausstellen. Und dieses fesselt sie offenbar ans Krankenbett. Fast jeder dritte Betrieb steckt in den roten Zahlen, erhob die KMU Forschung, die dafür mehr als 500 Jahresabschlüsse analysierte. Fuhr vor fünf Jahren jede vierte Apotheke Verluste ein, bilanzierten mittlerweile 31 Prozent negativ. Das sind in Summe 400 Unternehmen. Zudem ist ein knappes Fünftel überschuldet.

Ihre Eigenkapitalquote liegt laut Peter Voithofer, Experte der KMU Forschung, im Schnitt bei nur 3,6 Prozent. Es sei die niedrigste im Einzelhandel. Die durchschnittliche Umsatzrentabilität sei mit 2,8 Prozent zwar höher als im übrigen Handel, doch sie sinke stetig.

Sparzwang

Schuld daran gibt der Apothekerverband dem Sparzwang im Gesundheitswesen, der dafür sorge, dass den Pharmazeuten immer weniger vom Umsatz bleibe, auch wenn dieser wachse. "Wir können ja weite Teile des Geschäfts nicht beeinflussen", sagt Abart. 70 Prozent davon basierten auf von Ärzten auf Kassenkosten verschriebenen Medikamenten – die Kassenspanne sei auf einem Tiefpunkt.

Der restliche Erlös werde zu gut 80 Prozent mit Arzneien lukriert. Und hier etwa zur Grippezeit die Preise zu erhöhen sei unmöglich. Warum Aspirin in jeder Apotheke gleich viel kostet? "Arzneimittel über den Preis zu verkaufen entspricht nicht unserer Idee." Letztlich hätten sich die Krankenkassen auf Kosten der Apotheker entschuldet, ist Abart überzeugt. Er sieht seine Zunft auf einer steten Einbahnstraße bergab. "Es kann so nicht mehr weitergehen."

Die Apotheker wollen also Geld. Konkret 15 Millionen Euro im Jahr von der öffentlichen Hand. Diese soll die Nachtdienste zur Hälfte finanzieren. Derzeit würden für den Bereitschaftsservice nämlich zu nahezu 93 Prozent die Apotheken selbst aufkommen müssen.

Steigende Kosten

Im Hauptverband der Sozialversicherungsträger löst dieses Ansinnen Kopfschütteln aus. "Dass die Branche in Österreich ein Sanierungsfall sein soll, ist mir neu", sagt sein Sprecher, Dieter Holzweber, zum STANDARD. Er habe nicht den Eindruck, es hier mit einer armen Klientel zu tun zu haben. "Da wird auf hohem Niveau gejammert." Lächerlich sei, dass die Gesundung der Krankenkassen zulasten der Apotheker gehe. Allein 2014 seien Medikamentenkosten um acht Prozent gestiegen. "Wir können nicht mehr ausgeben, als wir an Beiträgen einnehmen."

Sorgen, dass auf Druck der EU der Gebietsschutz der Branche in Österreich fällt, hat Abart nicht: Das Arzneigeschäft dürfe nicht dem freien Markt überlassen werden, dann würde sich alles Angebot nämlich nur noch auf den städtischen Raum konzentrieren.

Im Vorstoß von Handelsketten wie dm, die rezeptfreie Medikamente verkaufen wollen und dafür auch den Verfassungsgerichtshof anrufen, macht der Apothekerverband einmal mehr gravierende Folgen für Versorgung und Sicherheit aus. Der Großteil der Österreicher habe wenig Gesundheitskompetenz, sagt Abart. "Eine Arznei ist keine Wurstsemmel." (Verena Kainrath, 5.3.2016)

  • Apotheker wollen für ihre Nachtdienste öffentliche Zuschüsse in Höhe von 15 Millionen Euro im Jahr.
    apa/barbara gindl

    Apotheker wollen für ihre Nachtdienste öffentliche Zuschüsse in Höhe von 15 Millionen Euro im Jahr.

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