Warum die Kindergartenstudie wichtig ist

Kommentar der anderen4. März 2016, 17:11
44 Postings

Im Zusammenhang mit der Studie über islamische Kindergärten blieb eine entwicklungspsychologische Sichtweise bisher unberücksichtigt. Ohne deren Einbeziehung wird die Relevanz dieses Themas kaum verständlich. Eine Nachbemerkung

Aus einem psychosozialen Blickwinkel betrachtet, sind Migration und die darauffolgenden zwingend notwendigen Anpassungsprozesse hochemotionale intrapsychische Vorgänge mit vielschichtigen Verarbeitungsmechanismen. Unterm Strich geht es für die betroffenen Menschen dabei um ein fortwährendes dynamisches Abwägen zwischen Geben und Nehmen identitätsstiftender Lebenseinstellungen und insofern um eine ständig wiederkehrende Infragestellung vordefinierter vertrauter Orientierungsmechanismen.

Das Gelingen dieser herausfordernden Anpassungsvorgänge inmitten der angedeuteten Turbulenzen ist abhängig von individuellen und sozialen Ressourcen. Es ist zwar nicht möglich, hierfür ein allgemeingültiges Universalrezept zu liefern, jedoch können all jene Umstände als hilfreiches Repertoire betrachtet werden, die ein weltoffenes, neugieriges und humanistisches Weltbild inkludieren. Je mehr sich diese Haltungen sowohl in der persönlichen Privatsphäre der sich integrierenden Person als auch in Form positiver Begegnungen in der jeweiligen aufnehmenden Gesellschaft vorfinden lassen, umso positiver ist auch der Effekt auf die Integration von Migranten.

Nichtsdestominder stellen interkulturelle Anpassungsprozesse immer eine Stresssituation für Migrantinnen und Migranten dar und können in Konstellation mit weiteren psychosozialen Belastungen zu einer erhöhten Anfälligkeit für psychische Störungen führen. Davon sind junge Heranwachsende im Besonderen betroffen, was inzwischen auch anhand internationaler Studien festgehalten wird. Diese ernstzunehmende Entwicklung ist insbesondere unter jener Prämisse zu verstehen, dass die Individuation nachfolgender Generationen von Migranten sozusagen "doppelt" erschwert ist, denn in entwicklungspsychologischer Hinsicht müssen diese die Adoleszenz zwischen zwei oder gar mehreren Kulturen bewältigen, das heißt, die an sich schon schwierigen, identitätsstiftenden Themen der Adoleszenzkrise in zumindest doppelter Hinsicht besiegeln.

Im Rahmen dieser stark destabilisierenden Anforderungen sind sie wiederum einer erhöhten Anfälligkeit für schwere psychische Krankheitsbilder ausgesetzt. Je größer dabei die Kluft zwischen den interkulturellen Erwartungshaltungen im Rahmen ihrer Individuation ist, umso höher ist das Risiko für den bereits genannten psychophysischen Stress mit möglichen Konsequenzen für betroffene junge Menschen einzustufen. Dies kann so weit gehen, dass die Etablierung einer gefestigten Selbstdefinition massiv ins Schwanken gerät mit entsprechenden dramatischen Identitätskrisen.

Findet nun – von diesen Leitgedanken ausgehend – eine Separation der Nachfolgegenerationen ehemals eingewanderter Menschen von der aufnehmenden Gesellschaft in isolierten ursprungskulturell und monosprachlich geführten Einrichtungen mit starr religiös und/oder nationalistisch orientierten Erziehungsstilen statt, und dies in der äußerst sensiblen Phase der Kindheit, so wird diesen Kindern der Boden für eine interkulturelle Begegnung und Entwicklung genommen. Der Clou an der Sache ist, dass ihnen diese Konfrontation dadurch keineswegs erspart bleibt, denn die Beschäftigung mit den belastenden Themen der Interkulturalität kommt früher oder später unausweichlich auf sie zu, spätestens ab dem Schuleintritt und in weiterer Folge erneut in der Adoleszenz.

Massives Hemmnis

Insofern können getrennte Erziehungsräume und -praktiken eine konfliktgenerierende und polarisierende Entwicklung in Bezug auf die Identitätsfindung im multikulturellen Setting forcieren und die betroffenen jungen Menschen in ihrer interkulturellen Begegnung massiv hemmen. Dabei sind sie nicht nur in ihrer integrativen Anpassungsfähigkeit eingeschränkt, sondern auch in ihrer psychischen Gesundheit drastisch gefährdet.

In diesem Sinne bedarf es einer dringenden Begegnung, noch besser Berührung im interkulturellen Raum, was durch eine gezielt vorgenommene Separation in der hierfür besonders wichtigen Zeitspanne der Kindheit massiv gefährdet ist. Aus psychodynamischer Sicht ist insofern die Etablierung multikultureller Angebote mit kulturell und sprachlich heterogenen Teams in der Erziehungsarbeit sowie eine intensivere Einbeziehung der Elterngeneration als unabdingbar zu betrachten, um die bisherige Entfremdung wettzumachen und die Versöhnung mit der aufnehmenden Gesellschaft schrittweise in Bewegung setzen zu können. (Selvihan Akkaya, 4.3.2016)

Selvihan Akkaya (Jg. 1977) ist Fachärztin für Psychiatrie, Erziehungswissenschafterin und Psychotherapeutin in Ausbildung. Sie wurde in der Türkei geboren und emigrierte mit elf Jahren nach Österreich. Seit Juli 2014 ist sie Leiterin der Abteilung I des psychosozialen Rehabilitationszentrums Sonnenpark Lans mit dem Schwerpunkt Aufbau eines transkulturellen Behandlungsangebots.

Share if you care.