Baden-Württemberg: "Joschka & Kretsch" als Merkel-Fans

Reportage5. März 2016, 10:00
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Ein Wahlkampfzuckerl für die Grünen: Der deutsche Ex-Außenminister Joschka Fischer und Ministerpräsident Winfried Kretschmann treten gemeinsam auf und loben die Kanzlerin.

Joschka Fischer und Winfried Kretschmann – wer kennt die beiden deutschen Spitzengrünen nicht? Alle, die am Donnerstagabend in die Stadthalle Karlsruhe gekommen sind, natürlich schon. Und dennoch werden sie vom Moderator angekündigt wie ein zoologisches Sensationsduo: Fischer, der erste grüne Außenminister weltweit. Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsident weltweit.

Für Kretschmann, den sie in Baden-Württemberg den "Kretsch" nennen, ist diese Veranstaltung unter dem Motto "Auf dem richtigen Weg für die Zukunft Europas" Pflicht. Am 13. März wird in Baden-Württemberg gewählt, und er, der seit 2011 das Ländle mit der SPD regiert, möchte gerne als Regierungschef weitermachen. Fischer hätte nicht kommen müssen. Der Politpensionär mit Wohnsitz Berlin tritt kaum noch öffentlich auf. Doch für den Oberrealo Kretschmann macht der einstige Oberrealo Fischer gern eine Ausnahme, zumal es sich auch um eine Reise in beider Vergangenheit handelt.

"Nicht frei von Spannungen"

Die zwei – beide Jahrgang 1948, beide katholisch, beide in Baden-Württemberg aufgewachsen – lernten sich vor langer Zeit in Hessen kennen. Damals, in den 1980er-Jahren, war Fischer grüner Umweltminister, Kretschmann sein Referent. Es sei eine Zusammenarbeit "nicht frei von Spannungen" gewesen, erzählt Kretschmann. Er als Referent habe mehr "die langen Linien reinbringen wollen", sagt Kretschmann. Aber Fischer sei oft "tagesaktuell so unter Druck" gestanden.

Doch das ist nun ja vorbei, und an diesem Abend sind sich die beiden so einig in ihrer Beurteilung der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel, dass man sich unwillkürlich verstohlen im Saal umschaut, ob hier nicht irgendwo "bezahlte Werbung der CDU" steht.

Europa zusammenhalten

"Angela Merkel hat völlig recht. Es gibt nur eine europäische Lösung", sagt Fischer in jenem Ton, den man von früher noch gut kennt und der "ich dulde keinen Widerspruch" bedeutet. "Wenn Angela Merkel Europa nicht zusammenhält, wer macht es dann?", fragt er und blickt ins Publikum. Dort sieht er vielfaches Nicken, es gibt auch Applaus.

"Es steht unglaublich viel auf dem Spiel", pflichtet Kretschmann seinem einstigen Chef bei und sagt auch: "Wir exportieren unsere wunderbaren Produkte in die ganze Welt." Schlagbäume und Stacheldrähte würden dazu nicht passen.

Lanze für Merkel

Apropos. Fischer bricht noch eine Lanze für Merkel, indem er an den September 2015 erinnert, als die Geflohenen in Ungarn festsaßen: "Die Flüchtlinge waren ja in Budapest, ohne dass Angela Merkel irgendeinen Pieps gesagt hätte." Hätte man Hunde, Schlagstöcke und Wasserwerfer einsetzen sollen? Fischer ist überzeugt: "Das hätte die deutsche Bundesregierung keinen Tag durchgehalten."

Kretschmann nickt zustimmend. Überhaupt sind die beiden Herren guter Laune. Gerade erst hat die ARD neueste Umfragen für die Wahl am 13. März veröffentlicht. Die Grünen sind mit 32 Prozent stärkste Partei in Baden-Württemberg, die CDU liegt mit 28 Prozent dahinter. Deren Spitzenkandidat heißt übrigens Guido Wolf. Er wird bei dieser Veranstaltung der beiden grünen Stars nicht ein einziges Mal erwähnt. (Birgit Baumann aus Karlsruhe, 5.3.2016)

  • Artikelbild
    foto: reuters / hannibal hanschke
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