Mehrheit fürchtet, dass Migration Gleichberechtigung gefährdet

4. März 2016, 16:56
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Eine Mehrheit meint, dass es hierzulande ungerecht zuginge – für sich persönlich lassen aber speziell die Frauen nicht gelten, was sie gesellschaftlich wahrnehmen

Linz – "Die Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen wirkt sich negativ auf die Gleichberechtigung von Frauen aus." Diese Behauptung legte das Linzer Market-Institut im Auftrag des STANDARD 400 repräsentativ ausgewählten Wahlberechtigten vor. Und stieß damit auf hohe Zustimmung: 24 Prozent stimmten der Aussage vollständig, weitere 32 Prozent überwiegend zu – in besonders hohem Maß sind freiheitliche Befragte dieser Ansicht, in eher geringem die Befragten, die Grüne oder Neos wählen.

Nur 20 Prozent fürchten gar keine negativen Auswirkungen auf die Gleichberechtigung von Frauen durch Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen.

Fortschritt gegenüber der früheren Generation

Insgesamt wird ein großer Fortschritt für die Frauen im Generationenvergleich wahrgenommen. Fragt man die Österreicherinnen und Österreicher: "Wie ist das im Zeitvergleich, also etwa im Vergleich mit der Generation Ihrer Eltern: Haben es Frauen heute leichter als damals, haben sie es schwerer oder ist das etwa gleich geblieben?", so sagen 75 Prozent, dass es Frauen heute einfacher hätten in als ihrer Elterngeneration. Und das wird deutlicher wahrgenommen, je älter die Befragten werden.

Aber das ist natürlich alles relativ, sagt David Pfarrhofer vom Market-Institut, das für den STANDARD in dieser Woche die Einschätzung der Geschlechterverhältnisse erhoben hat: "Wir wissen, dass sich die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt ganz deutlich voneinander unterscheiden."

Wahrgenommene Ungerechtigkeit im Land

So fragte Market: "Geht es in unserem Land alles in allem gerecht zu, also werden die Menschen alles in allem gerecht behandelt, oder ist das eher nicht der Fall?" Darauf antworteten 30 Prozent, dass es gerecht zuginge, 65 Prozent meinen, dass die Menschen ungerecht behandelt würden – wobei Männer etwas mehr Ungerechtigkeit wahrnehmen als Frauen.

Geht man nun von dieser allgemeinen Betrachtung ins Spezielle, so dreht sich die Wahrnehmung um. Auf die Frage: "Und wie ist das bei Ihnen persönlich, ich meine: in Ihrem eigenen Leben? Werden Sie alles in allem gerecht behandelt oder ist das eher nicht der Fall?" sagen 71 Prozent, dass sie persönlich sehr wohl gerecht behandelt würden. Und Frauen sagen das mit 81 Prozent deutlich überzeugter, als das Männer tun.

Vorurteil Benachteiligung

Dennoch stimmen dieselben Befragten in hohem Maße der Aussage zu, dass Frauen in unserer Gesellschaft noch immer benachteiligt seien. Dieser Ansicht sind 31 Prozent der befragten Frauen völlig, weitere 35 Prozent teilen die Ansicht überwiegend – obwohl das ihrem eigenen Erleben nicht wirklich entspricht. Männer sind viel weniger geneigt, eine Benachteiligung der Frauen einzuräumen.

Ähnlich ist das bei der – in der Grafik dargestellten – Frage, ob Männer und Frauen in gleicher Weise gerecht behandelt würden. Hier sagen 44 Prozent, dass Männer mehr Gerechtigkeit erfahren – allerdings ist hier die weibliche Wahrnehmung mit 58 Prozent viel stärker ausgeprägt als die männliche. Umgekehrt sagen 23 Prozent der Männer, dass Frauen gerechter behandelt würden als Männer. Frauen sehen das nicht so.

Fortschritte der Gerechtigkeit ausgeblendet

Pfarrhofer: "Die Menschen wünschen sich eine gerechtere Welt – und blenden dabei aus, dass die Welt ohnehin schon wesentlich gerechter geworden ist, wie sich an den Fragen zeigt, wo wir eine Zeitdimension unterlegt haben."

Market fragte, ob junge Männer oder junge Frauen es ganz allgemein im Leben leichter hätten – und hier ergibt sich ein relativ ausgewogenes Bild: 57 Prozent meinen, junge Männer und junge Frauen so um die 20 hätten es etwa gleich leicht oder gleich schwer. Zudem meint ein gutes Fünftel der Männer, dass junge Frauen es leichter hätten, bei den Frauen meint ein gutes Viertel, dass es eher die jungen Männer leichter hätten.

Krass unterschiedlich ist allerdings die Einschätzung der Verhältnisse der mittleren (typischerweise im Berufsleben und mit Elternpflichten belasteten) Alterskohorte: Hier sehen alle Befragten, die Frauen noch deutlicher als die Männer, dass die Männer in der Lebensmitte ein leichteres Leben haben als die Frauen. "Hier wird eine hohe Ungleichheit wahrgenommen, wenn auch nicht unbedingt aus eigener Betroffenheit", sagt Marktforscher Pfarrhofer.

Karrierefrauen für Männer attraktiv

In derselben Umfrage wurden auch verschiedene Aussagen zu den Geschlechterverhältnissen vorgelegt. Dabei zeigt sich, dass 83 Prozent der Aussage, Frauen müssten für die Karriere im Familienleben Verzicht üben, zustimmen. 13 Prozent stimmen voll und 39 Prozent teilweise der Aussage zu, dass Karrierefrauen attraktiv für Männer sind. Dass Männer mit beruflichem Erfolg für Frauen attraktiv sind, meinen 27 Prozent voll und 47 Prozent teilweise – bei beiden Annahmen über die Attraktivität durch Karriere unterscheiden sich die Ansichten der männlichen und weiblichen Befragten kaum. Nur drei Prozent stimmen voll zu, dass es für eine Partnerschaft gut ist, wenn die Frau stets zum Mann aufschaut. (Conrad Seidl, 4.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güreş illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Cloth-Skirt: Dieses Bild setzte Nilbar Güreş 2011 in Anatolien in der Türkei in Szene. Die Künstlerin choreografiert Szenen, in denen sie Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt, immer sind Freiheitspotenziale eingebaut – es kann in die eine oder in die andere Richtung gehen. Und doch bleiben unsichtbare Unwägbarkeiten bei der Transformation von Geschlechterrollen, sozialen, kulturellen und religiösen Identitäten.
    foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; landesgalerie linz

    Cloth-Skirt: Dieses Bild setzte Nilbar Güreş 2011 in Anatolien in der Türkei in Szene. Die Künstlerin choreografiert Szenen, in denen sie Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt, immer sind Freiheitspotenziale eingebaut – es kann in die eine oder in die andere Richtung gehen. Und doch bleiben unsichtbare Unwägbarkeiten bei der Transformation von Geschlechterrollen, sozialen, kulturellen und religiösen Identitäten.

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