Doppelt so viele Sumatra-Orang-Utans wie bisher angenommen

6. März 2016, 13:16
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Forscher hatten Lebensraum bisher unterschätzt – Problematische Kreuzungen zwischen Unterarten komplizieren Auswilderung

Jakarta – Zuerst die gute Nachricht: Die Population des Orang-Utans auf der indonesischen Insel Sumatra ist mehr als doppelt so groß wie gedacht. Eine aktuelle Bestandsaufnahme durch ein internationales Forscherteam ergab mehr als 14.600 Individuen, bisher war man von etwa 6.600 ausgegangen. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Bestand gewachsen ist, vielmehr war der Lebensraum bisher weit unterschätzt worden. Die schlechte Nachricht ist: Abholzung und Wilderei bedrohen die großen Menschenaffen mehr denn je.

Entgegen bisheriger Annahmen leben die Sumatra-Orang-Utans auch in höheren Bergregionen über 1.500 Metern und in weiteren Lebensräumen, die bisherige Schätzungen nicht einbezogen hatten. Dazu zählen etwa ein Gebiet westlich des Tobasees im Norden der Insel sowie Wälder, die von Abholzung betroffen sind. Die neuen Zahlen beruhen auf einer Feldstudie und Hochrechnungen der Forscher um Serge Wich von der John Moores University in Liverpool.

Eine genaue Schätzung der Populationsgröße einer bedrohten Tierart ist für die Planung von Maßnahmen zum Artenschutz unabdingbar. Um die Auswirkungen der künftigen Abholzung auf die Sumatra Orang-Utans zu beurteilen, simulierten die Forscher um Wich am Computer mögliche Szenarien. Als Grundlage dienten ihnen dabei tatsächliche Landnutzungspläne. Die Ergebnisse zeigen, dass bis zum Jahr 2030 bis zu 4.500 Orang-Utans verschwinden könnten, sollten diese Pläne umgesetzt werden. Obwohl also die höhere Populationsschätzung eine gute Nachricht ist, ist zu erwarten, dass die Zahl der Orang-Utans langfristig weiter sinken wird, wenn die Abholung im gegenwärtigen Tempo fortschreitet.

Problematische Auswilderung

Eine weitere schlechte Nachricht ist, dass die Auswilderung der bedrohten Orang Utans sich künftig wohl komplizierte gestalten wird: Eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie weist darauf hin, dass Kreuzungen zwischen den in Indonesien lebenden Unterarten fatale Folgen haben können: Solche Mischlinge haben zumindest in einigen Fällen nur geringe Fortpflanzungs- und Überlebenschancen.

Durch Abholzung und Wilderei ist der Lebensraum der einzigen noch in Asien vorkommenden Großen Menschenaffen bedroht, die Bestandszahlen schwinden seit Jahren. Es existieren zwei Arten von Orang-Utans: Die einen leben auf der Insel Borneo, die anderen etwa 1.200 Kilometer entfernt auf der Insel Sumatra. Die Umweltstiftung WWF schätzt den Bestand des Borneo-Orang-Utans auf rund 54.000 Tiere. Von weitaus weniger Orang-Utans gingen Experten bisher bei der Art auf Sumatra aus.

Nach der nun "Science Advances" vorgestellten Studie sollen auf Sumatra allerdings mehr als doppelt so viele der Tiere leben wie bisher gedacht. Der Borneo-Orang-Utan wird in drei geografisch isolierte Unterarten unterteilt, die im Laufe Zehntausender Jahre abgewandelte Merkmale entwickelt haben. Für den Menschen seien diese mit bloßem Auge kaum zu erkennen, jedoch ließen sich die Unterarten durch DNA-Tests klären, erläutert die Max-Planck-Forscherin Linda Vigilant, die mit Graham Banes die Studie zu den Gefahren von Kreuzungen erstellt hat.

Seit 176.000 Jahren getrennt

Mithilfe solcher DNA-Analysen bewerteten die Wissenschafter Auswilderungen in den Tanjung Puting Nationalpark im Süden der Insel Borneo. Mehrfach wurden dort demnach Tiere einer nicht in der Region heimischen Unterart entlassen. Immer wieder sei es in der Folge zu Kreuzungen der seit etwa 176.000 Jahren getrennten Unterarten gekommen – mit negativen Folgen für den Nachwuchs. "Das wäre so, als wenn man einen Neandertaler mit einem Menschen von heute kreuzen wollen würde", sagt Vigilant.

Als Beispiel wird das Muttertier Siswoyo genannt, das im Lebensraum der anderen Unterart ausgesetzt wurde: Das Weibchen brachte demnach vergleichsweise schwache und weniger überlebensfähige Junge zur Welt. Siswoyo habe in zwei Generationen nur acht Nachkommen gehabt, zwei davon seien schon als Jungtiere gestorben. Ihre einzige Tochter wurde drei Mal Mutter, wie es in der Studie weiter heißt. Eines dieser Jungtiere starb bei der Geburt, ein anderes in den ersten Lebensjahren. Das Dritte überlebte, war aber häufig krank.

"Wir können solche negativen Auswirkungen auch bei Hunden sehen", sagt Vigilant. Durch Überzüchtung und Kreuzung verschiedener Arten entstünden weniger robuste Nachkommen. Im schlimmsten Fall vererben die aus Kreuzungen resultierenden Orang-Utans die schlechten Eigenschaften weiter. Durch die genetischen Defizite habe der Nachwuchs geringere Überlebens- und Fortpflanzungsfähigkeiten. "Die Population würde langfristig schrumpfen", erklärt Vigilant.

Erfolgreiche Großfamilie

Es kann aber auch ganz anders verlaufen, erläutert sie an einem zweiten Beispiel: Das Weibchen Rani gründete eine große Familie mit mindestens 14 Nachkommen über drei Generationen. Bei ihr habe die Fortpflanzung mit Artgenossen aus der anderen Unterart gefruchtet – die Forscher sprechen in diesem Fall von Hybrid-Vitalität. Zwei Weibchen seien ein recht kleine Probe für eine Aussage, schränkt Vigilant ein. "Aber unsere Ergebnisse reichen aus, um ernsthaft Alarm zu schlagen."

In den Auffangstationen auf Borneo und Sumatra stünden derzeit etwa 1.500 Orang-Utans vor ihrer Auswilderung. Bevor die Tiere in die Freiheit entlassen werden, sollten jetzt Gen-Tests gemacht werden, um die Unterarten in der Wildnis künftig wieder voneinander getrennt zu halten, fordern die Wissenschafter. "Sie sehen einander zwar relativ ähnlich, aber diese Orang-Utans hatten seit Zehntausenden von Jahren keine gemeinsamen Vorfahren", betont Vigilant. (APA, red, 6.3.2016)

  • Von der Orang-Utan-Unterart auf der indonesischen Insel Sumatra existieren zwar mehr als doppelt so viele Individuen als gedacht, ihr Bestand ist langfristig trotzdem in Gefahr.
    foto: perry van duijnhoven

    Von der Orang-Utan-Unterart auf der indonesischen Insel Sumatra existieren zwar mehr als doppelt so viele Individuen als gedacht, ihr Bestand ist langfristig trotzdem in Gefahr.

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