Julya Rabinowich: Über Verhältnisse. Gelebt.

4. März 2016, 16:17
2 Postings

Falls man ungleiche Geschlechterverhältnisse bezweifelt, kann man sich auch einfach nur plakativ die Oscarnacht zu Gemüte führen

Wenn man auf den langen Weg zurückblickt, den der Feminismus schon hinter sich hat, könnte man erfreut sein. Frauen dürfen wählen. Dürfen arbeiten, ohne dass ihnen der Göttergatte dafür die Erlaubnis erteilen muss, er darf seine Partnerin nicht mehr als Sexpuppe gebrauchen, wenn es ihn mal freut und sie nicht.

Man kann froh sein darüber, dass es das Wegweisungsrecht gibt, dass der Staat Alimente, die von säumigen Vätern nicht gezahlt werden, vorschießt. Darüber, dass Frauen es ab und zu schaffen, die gläserne Decke zu durchbrechen. Sichtbar zu sein. Man könnte sich sogar von der freudvollen Illusion korrumpieren lassen, der Weg sei schon gegangen. Nicht mehr nötig.

Problem gelöst. Alles paletti. Paradiesisch sozusagen. Viele junge Frauen glauben das. Weil es cooler ist, das zu glauben. Weil es weniger Sorgen macht. Weil es schöner ist, anzunehmen, die Gleichberechtigung würde nur von einem selbst abhängen. Weil man schon weiterkommt, wenn man sich nur anstrengt. Weil man das schon schupfen wird, wenn der Nachwuchs da ist. Bestimmt.

Dass die meisten Beziehungen spätestens dann in die Falle der klassischen Rollenaufteilung tappen, passiert nur den anderen. Bis es einem selber passiert. Falls man ungleiche Geschlechterverhältnisse bezweifelt, kann man sich auch einfach nur plakativ die Oscarnacht zu Gemüte führen. Alterscharakter ist Männersache. Kolleginnen haben sich gefälligst abzusaugen, aufzupumpen, zu straffen und zu färben. Bei gleicher Leistung und geringerer Bezahlung.

Von welchem Mann wird schon erwartet, dass er sich Botox in die Fußballen injizieren lässt, weil er auf Stöckelschuhen die ganze Nacht selig lächeln muss? Ein Anzug, ein Haarschnitt und fertig. Keiner von ihnen muss befürchten, schon mit lächerlichen 30 zu alt für viele Rollen zu sein – es sei denn, es handelt sich um Jugendlichenrollen – und mit 40 zum alten Eisen zu gehören. Tatsächlich neu ist aber jener Mut, den junge Schauspielerinnen aufbringen, indem sie Dinge aussprechen, die man gewohnt war, unter dem roten Teppich verschwinden zu lassen.

Der Weg ist nicht gegangen, aber es gibt neue Mitreisende. (Julya Rabinowich, 4.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
Share if you care.