Warum Frauen weniger verdienen als Männer – und sich das nur schwer ändern lässt

Für eine Stunde Arbeit bekommt eine Frau in Österreich im Schnitt fast ein Viertel weniger als ein Mann. Lässt sich die Lohnschere schließen?

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8. März 2016, 08:11

Es ist eine der Fragen, über die am hitzigsten diskutiert wird: Werden Frauen in Österreich diskriminiert? Verdienen sie wirklich weniger als Männer? Die einen gehen für "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" auf die Straße, die anderen sehen die Gleichstellung als längst erledigt an.

Aber wer ist im Recht? Wenn man sich in die Materie vertieft, finden sich nur wenige Beispiele, bei denen zwei in ihrer Ausbildung, Erfahrung und Persönlichkeit gleiche Personen in derselben Branche und im selben Job landen und einer nur deshalb mehr verdient, weil er ein Mann ist.

Sehr wohl gibt es aber Hinweise dafür, dass gleich gut qualifizierte Frauen einen Job nicht kriegen, weil Unternehmer befürchten, dass sie durch eine Schwangerschaft bald einmal für einige Zeit weg sein könnten. Das ist genau genommen verboten, aber selten nachweisbar. Daran lässt sich also kaum etwas ändern. Ist der Streit damit schon beigelegt?

Keineswegs. Für einen Euro, den Männer in der Stunde verdienen, kommen Frauen hierzulande im Durchschnitt tatsächlich nur auf 77 Cent. Und wer sich auf die Suche nach den Gründen dafür macht, entdeckt schnell: Auch wenn Frauen von ihren Chefs wohl selten direkt diskriminiert werden, werden sie durch die Art, wie Arbeitswelt und Gesellschaft organisiert sind, sehr wohl benachteiligt. Wie lassen sich die 23 Cent also erklären, die Frauen im Schnitt fehlen?

Grundsätzlich arbeiten heute so viele Frauen in Österreich wie nie zuvor. Bei den Bildungsabschlüssen haben sie die Männer längst überholt. Was auf ihr Gehalt drückt: Sie suchen sich Branchen aus, in denen man schlechter verdient. Die drei beliebtesten Lehrplätze – Einzelhandel, Bürokauffrau, Friseurin – werden heute sogar häufiger gewählt als noch vor 30 Jahren. Burschen gehen meist in besser bezahlte technische Berufe, werden Mechaniker, Tischler oder Installateur.

Auch bei der Schul- und Studienwahl setzt sich das fort. "Bei den Mädels hat es mit der Metalltechnik im letzten Jahr das erste Mal ein technischer Beruf in die Top Ten der Lehrplätze geschafft", sagt Ines Stilling, Sektionschefin im Frauenministerium. "Das ändert sich alles aber nur sehr langsam."

Weil Männer nicht schwanger werden und Frauen viel öfter bei den Kindern bleiben, haben Erstere im Schnitt auch mehr Arbeitserfahrung. Das erklärt aber bei weitem nicht den ganzen Unterschied in der Entlohnung. Nimmt man alle diese "harten" Faktoren zusammen, also etwa Branche, Bildung und Erfahrung, lässt sich nur die Hälfte des Unterschieds erklären, sagt Christine Zulehner von der Goethe-Universität in Frankfurt. Das sind etwa elf Cent. Die Österreicherin gilt als die beste Kennerin der Materie im Land.

Und was ist mit dem Rest? Frauen sind tendenziell schlechtere Verhandlerinnen, das ist gut dokumentiert, trägt aber nicht viel zur Schere bei. Frauen fragen im Zweifel eher nicht nach einer Gehaltserhöhung, Männer lieber einmal mehr. Gleichzeitig suchen Männer auch eher den Wettbewerb, überschätzen ihre Fähigkeiten auch gerne einmal. Bei den Frauen ist es umgekehrt.

Das fängt schon früh an. Eine Studie zeigt etwa, dass Mädchen in der Volksschule genauso gut in Mathematik sind wie Burschen. Fragt man sie aber, geben sie eher an, Probleme mit dem Fach zu haben. Später wird in der Schule aus der verzerrten Wahrnehmung eine Realität.

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Auch Netzwerke spielen eine Rolle. Ein Vorgesetzter mit konservativem Rollenbild könne schon einmal einen Mann bevorzugen, sagt Christine Zulehner. In Vorständen sind Frauen nach wie vor massiv unterrepräsentiert. Dass es nicht an zu wenig qualifizierten Frauen liegt, zeigt eine Evaluierung der Frauenquote in Norwegen.

Dort müssen 40 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich sein, was dazu geführt hat, dass Frauen in Vorständen im Schnitt jetzt besser qualifiziert sind als vorher. Das könnte daran liegen, dass die Firmen durch die Quote dazu gezwungen wurden, sich schlicht besser umzusehen.

Mehr Lust auf Wettbewerb, auf Risiko, auf Konfrontationen mit Vorgesetzten bezüglich des Gehalts, Männernetzwerke: All das spielt eine Rolle, um die restlichen elf, zwölf Cent zu erklären, die Frauen im Schnitt in der Stunde weniger verdienen. Eine der renommiertesten Forscherinnen im Feld hat aber noch eine ganz andere Erklärung gefunden, die ihrer Meinung nach viel wichtiger ist.

Karriere oder Familie

Den Großteil der Schere kann man mit den Kindern erklären, sagt die Harvard-Ökonomin Claudia Goldin, gar nicht so sehr, weil Frauen wegen der Schwangerschaft kurz aus dem Job ausscheiden und weniger Erfahrung haben, sondern weil sie später andere Jobs wählen, bei denen sie flexibler sind. Frauen übernehmen nach wie vor einen Großteil der Kinderbetreuung. In Österreich arbeiten zwei Drittel der Mütter zwischen 25 und 49 Teilzeit, unter den Vätern macht das nur einer von zwanzig.

Die Studien von Goldin zeigen, dass es eine hohe "Pönale" dafür gibt, wenn man nicht auch einmal Überstunden oder vielleicht 50, 60 oder gar 70 Stunden die Woche arbeiten kann. Besonders stark ausgeprägt ist das im Finanzsektor und im Management. Diese gutbezahlten Jobs kriegt nur, wer sein Privatleben zurücksteckt. Für eine Familie sei es daher finanziell rational, wenn sich einer auf die Karriere konzentriert, sagt Goldin. Ganz schließen lasse sich die Schere deshalb nur schwer.

Bevor man sich aber den Kopf darüber zerbricht, dass die Schere vielleicht nie ganz zugeht, lässt sich hierzulande noch einiges tun. In Skandinavien fehlen Frauen im Schnitt nur 15 bis 18 Cent. Wenn sich Österreich mit seinen 23 Cent eine Scheibe abschneiden will, braucht es mehr Ganztagesschulen, Kindergärten, die nicht um 14 Uhr zusperren, es muss Schluss sein mit dem "Anwesenheitsfetischismus" im Büro, wie Ines Stilling vom Frauenministerium sagt.

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In Skandinavien sei es üblich, die Kinder um 17 Uhr von der Schule abzuholen und wenn nötig von zu Hause aus weiterzuarbeiten. In Island gehen fast alle Väter in Karenz, weil die Mutter allein nur Anrecht auf knapp die Hälfte hat.

Damit die Schere ganz zugeht, müsste sich die gesamte Arbeitswelt ändern, sagt die Ökonomin Goldin. Solange Firmen lieber eine Person 60 Stunden als zwei 30 Stunden arbeiten lassen, werde die Schere da sein. Weil mehr Frauen arbeiten und auch junge Männer flexibler sein wollen, müssen Unternehmen langsam umdenken, sagt Zulehner. Aber das dauere alles sehr lange.

Der gleiche Lohn für die gleiche Lohnarbeit ist bereits fast Realität, genauso eine Realität wie jene, dass Frauen den Großteil der Arbeit daheim übernehmen – für die sie gar nicht bezahlt werden. (Andreas Sator, 8.3.2016)

Zum Vertiefen: Diese Studien und Statistiken wurden für die Recherche herangezogen, aus einigen wurde im Artikel zitiert.

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.