Biedermann und die Brandstifterin

4. März 2016, 15:30
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Renaud Capucon und Khatia Buniatishvili mit Romantischem im Musikverein

Wien – Ein überwältigender Abend. Ein Abend, der aber auch Überlegungen anstellen ließ, ob die Gesellschaft der Musikfreunde nicht erwägen sollte, bei Konzerten von Khatia Buniatishvili Altersbegrenzungen nach unten und nach oben einzuführen. Nein, es ist nicht primär die Rede vom Äußeren der 1987 in Tiflis geborenen Pianistin – auch wenn ihre rote Robe aus körpernah getragener Spitze beim einen und anderen Konzertbesucher Atemnot ausgelöst haben könnte.

Denn auch auf musikalischem Gebiet forderte Buniatishvili ihrem Kammermusikpartner, dem Geiger Renaud Capucon, alles ab, stieg keck auf die Bremse, wenn er auf die Höhepunkte zustrebte, um dann endlich umso kraftvoller und intensiver im Extremen zu münden – wie etwa im 3. Satz der c-Moll Sonate von Grieg.

Überhaupt dosierte die Georgierin ihr gewaltiges emotionales Feuer so feinfühlig wie kaum jemand, und in jedem Moment stand ihre Dynamik im idealen Verhältnis zu der von Capucon. Wenn sie nicht selbst das Thema interpretierte, erging sie sich im begleitenden Hintergrund der Geigenmelodie mal in kontemplativer Tontropfenmalerei, wie im letzten der Vier romantischen Stücke op. 75 von Antonín Dvorák; oder sie wuchs, wie beim pompösen Oktavthema im Finalsatz der A-Dur Sonate von César Franck, zum wild schäumenden Ozean heran.

Eine Modulation ist bei Buniatishvili nicht einfach ein Harmoniewechsel, sondern ein Eintritt in eine ganz neue Gefühlswelt. Renaud Capucon wirkte im Verhältnis zur flamboyanten Pianistin trotz aller emotionalen Intensität fast etwas bieder; man hatte das Gefühl, dass Buniatishvili mit den zu gestaltenden Werken wie auch mit ihrem künstlerischen Partner spielte, mit einem kindlichen Lächeln auf ihren knallroten Lippen. Schreie der Begeisterung im Brahms-Saal. (Stefan Ender, 4.3.2016)

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