Mutter und Hure als weibliche Sexualitätsbilder

10. März 2016, 07:00
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Sitte und Moral spielen auch im 21. Jahrhundert eine wesentliche Rolle in der Sexualität – bei Frauen existieren klare Rollenvorstellungen

Sexualität ist zu etwas Alltäglichem geworden. Man begegnet ihr in Form von Reklame, auf Einkaufsstraßen und in der Kunst. Sie sei "Teil der neoliberalen Konsumkultur" geworden, sagt Hanna Hacker, Soziologin und queer-feministische Theoretikerin an der Uni Wien: "Wir sprechen hier von Sexentertainment."

Das sehe man etwa daran, dass es ein "selbstverständlicher Teil von Konsumpraktiken" geworden sei, dass sich Sexshops zwischen Schuh- und Gewandgeschäften in renommierten Einkaufsstraßen angesiedelt haben oder am Erfolg der Buchreihe "50 Shades of Grey", aber auch in einer "Veralltäglichung des pornografischen Konsums".

Seit rund fünfzehn Jahren könne man von einer "neoliberalen Abwicklung von Feminismus" sprechen, einer Politik, die Frauen eine quasi "postfeministische" und sehr ambivalente sexuelle "Freiheit" anbietet. Insbesondere für junge Frauen sei es dadurch schwieriger geworden, ihr Begehren und ihre Entscheidungen als politische zu fassen.

Schon mit der sexuellen Befreiung sei neben viel Positivem der Druck entstanden, befreit zu sein. "Die sexuelle Revolution war die zwingende und logische Folge der Einführung hormoneller Verhütungsmittel", sagt der Gynäkologe Christian Fiala. Durch die Einführung der Pille im Jahr 1961 und kurze Zeit später durch jene der Hormonspirale sei es erstmals möglich gewesen, Fruchtbarkeit und Sexualität zu trennen. Damit sei die Begründung für Moralvorstellungen, etwa "kein Sex vor der Ehe", weggefallen: "Bei der Überlegung ging es eben auch darum, dass eine Frau nicht mit Kind und ohne finanzielle Absicherung dasteht."

Sex in den Händen der Frau

Die neuen hormonellen Verhütungsmethoden brachten Frauen dann die Selbstbestimmung in ihrer Sexualität. Bis in die 1960er-Jahre waren die einzigen Möglichkeiten, einer ungewollten Schwangerschaft zu entgehen, Kondome und der "Coitus interruptus". Beides wurde vom Mann gesteuert. Durch die Pille wanderte die Kontrolle über die wirksamen Methoden in die Hand der Frauen. Dort blieben sie. So gaben 71 Prozent der beim "Verhütungsreport 2015" befragten Frauen an, selbst zu verhüten – 38 Prozent mit der Pille.

Es dauerte bis 1975, bis Frauen über ihre Gebärbereitschaft selbst bestimmen konnten. "Davor sind Frauen an ungewollten Schwangerschaften auch gestorben", sagt Fiala. Dass Abtreibungen bis zu diesem Jahr ohne Ausnahme strafbar waren, sei ein Relikt der monarchistischen Weltanschauung und Gesetze. "Frauen wurden als Gebärmaschinen angesehen", sagt Fiala, der in Wien das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch betreibt. Mit der Fristenregelung konnten Frauen auch über diesen Aspekt der Fruchtbarkeit selbst entscheiden.

Allerdings würde die gesetzliche Regelung, also dass der Abbruch noch immer eine Straftat ist, mit der Strafbefreiung innerhalb der ersten drei Monate, dazu führen, dass eine schlechte Verfügbarkeit gegeben sei. "Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht, im Medizinstudium wird die Technik nicht gelehrt."

Sexualität als Problem

Heute sei Sexualität noch immer etwas, das in Gesellschaft, in Medien und Politik, als "Problem" diskutiert würde, sagt Elisabeth Holzleithner, Leiterin des Instituts für Rechtsphilosophie an der Uni Wien. In den vergangenen Jahren habe es zwei große Debatten über Sexualität gegeben: "Dabei ging es vor allem um übergriffige männliche Sexualität."

Zum einen war das die Diskussion, die unter #aufschrei auf Twitter Erfahrungen über Sexismus weitergab – sie startete mit dem Bericht einer sexistischen Begegnung mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle.

Die andere Debatte sei jene, die nach den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht aufgekommen ist. "Hier wurde die Debatte aber noch ethnisierend verschoben", sagt Holzleithner. In Diskussionen über eine Verschärfung des Sexualstrafrechts im Jahr 2015 wurde Frauen noch ausgerichtet, sie sollten sich "nicht so haben". Nach Köln würde das Problem sexueller Übergriffe im öffentlichen Raum plötzlich ernst genommen, da es sich um nordafrikanische und arabische Männer handelt.

Viel davon, wie heute über Sexualität diskutiert wird, sei von einem historischen Bild von Geschlechterverhältnissen geprägt. In der Tradition würde die männliche Sexualität als aktiv und die weibliche als passiv wahrgenommen: "Frauen wurden immer als Objekte männlicher Sexualität gesehen, die verfügbar sein sollten, sei es als Ehefrau oder als Prostituierte", sagt die Philosophin.

Jede sexuell aktive Frau stand in der Gefahr, als "Hure" wahrgenommen zu werden. "Frauen waren in der Schere zwischen Mutter und Hure. Die Mutter war die Anständige, die man heiratet, und die Hure die gefährliche Verführerin, bedrohlich und verwerflich."

Dieses Bild habe sich in den vergangenen Jahren geändert, sei aber nicht verschwunden. "Wenn man sich Frauenzeitschriften ansieht, werden Frauen oft mit Sextipps gelockt", sagt Holzleithner. Die Ratschläge würden sich oft darauf beziehen, wie man Sex für den Mann spannender macht. Das stehe in der Tradition, in der Männer die Oberhand in der Sexualität haben. (Oona Kroisleitner, 10.3.2016)

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Non-Sex-Belt: Für diese Arbeit für die São Paulo Biennale 2014 hat Künstlerin Nilbar Güreş mit Frauen vor Ort gearbeitet und traditionelle Gegenstände, indigene Objekte und Textilien aus verschiedenen Kulturen für ihre Fotografien und Objekte verwendet. Die Schnur, der "Non-Sex-Belt", wird in einer indigenen Gruppe von den Frauen getragen, wenn sie keinen Sex wollen. Die Transgenderfrau im Bild öffnet ihn, signalisiert offensiv "Ich will Sex" – und widersetzt sich der gesellschaftlichen Erwartung, wonach diese Frauen nur als asexuell akzeptiert werden.
    foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

    Non-Sex-Belt: Für diese Arbeit für die São Paulo Biennale 2014 hat Künstlerin Nilbar Güreş mit Frauen vor Ort gearbeitet und traditionelle Gegenstände, indigene Objekte und Textilien aus verschiedenen Kulturen für ihre Fotografien und Objekte verwendet. Die Schnur, der "Non-Sex-Belt", wird in einer indigenen Gruppe von den Frauen getragen, wenn sie keinen Sex wollen. Die Transgenderfrau im Bild öffnet ihn, signalisiert offensiv "Ich will Sex" – und widersetzt sich der gesellschaftlichen Erwartung, wonach diese Frauen nur als asexuell akzeptiert werden.

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