Von schlimmen Buben und braven Mädchen

9. März 2016, 14:01
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Buben lernen in der Schule, was es heißt, ein Mann zu sein. Neues Selbstbewusstsein führt dazu, dass sie sich überschätzen und stören

Am Ende der Schulbildung steht die Zentralmatura. Überraschend bei der Premiere waren die österreichweiten Unterschiede bei den Englisch-Ergebnissen. Beim ersten Haupttermin gab es 60 Prozent mehr Fünfer für Mädchen. Dass es zu solch unterschiedlichen Leistungen überhaupt kommt, liegt aber schon am Anfang der Bildungsverläufe und festigt sich in Kindergarten und Schule.

Im Kindergarten lerne man vor allem im Tun und in der Interaktion. Ein Beispiel seien Puppen- und Baustellenecken, wo Mädchen "scheinbar zufällig" in der einen und Buben in der anderen Ecke spielen würden, sagt Paul Scheibelhofer, der an der Universität Innsbruck kritische Männlichkeitsforschung betreibt. "Hier werden Selbstverständnisse eingeübt, darüber, was es bedeutet, Mädchen oder Bub zu sein." Ein Ausflug ins Spielzeuggeschäft zeige, dass Kindern je nach Geschlecht unterschiedliche Kompetenzen zugesprochen werden.

"Mädchen lernen etwa durch den Umgang mit Puppen von klein auf, was es bedeutet, sich um andere und ihre Bedürfnisse zu kümmern." Das fördere spezifische Kompetenzen und Interessen, die auch spätere Ausbildungs- und Berufsentscheidungen beeinflussen: "In berufsbildenden Schulen finden wir in den technischen Zweigen nur rund zehn Prozent weibliche Schüler – in sozialberuflichen Richtungen sind es über 90 Prozent", sagt Scheibelhofer.

Das komme nicht zuletzt von dem "jahrelangen alltäglichen Training für den Sozialbereich, das ein Mädchen im Jugendalter bereits hinter sich hat".

Geschlechterreflektierter Unterricht

In der Schule können sich Rollenbilder verfestigen, Geschlechterterritorien entstehen: Gewisse Fächer gelten als "Mädchenfächer", wie Sprachen und künstlerische Fächer. Studien zeigen, dass Mädchen sich in Fächern, die sie als "Bubenfächer" wahrnehmen, weniger zutrauen.

"Buben lernen im Erwachsenwerden, was es heißt, ein 'richtiger Mann' zu sein", sagt Scheibelhofer. Sie erkennen, dass von ihnen selbstbewusstes Auftreten erwartet wird. Mit frustrierenden Situationen produktiv umzugehen fällt vielen schwer. "Buben neigen eher zu schulstörendem Verhalten", sagt Scheibelhofer. Während diese Buben in der Schule viel Aufmerksamkeit bündeln, geraten Buben, die aus dem typischen Bild herausfallen, aus dem Blick. "Lehrpersonen haben oft die Strategie, dass sie Mädchen zwischen Buben setzen, um diese ruhigzustellen", sagt Roswitha Tschenett vom Unterrichtsministerium. Diese Strategie könne aber Rollenbilder verstärken.

Die Annahme, dass Buben unter der Dominanz von Frauen im Bildungssystem litten, basiere auf einem "diffusen Verständnis von Männlichkeit", sagt Scheibelhofer. Man müsse eher den Unterricht geschlechterreflektiert gestalten. Etwa durch vielfältigere Lernraumgestaltung und weniger Frontalunterricht, sagt Tschenett. Bei Letzterem würden Buben dazu tendieren, im Mittelpunkt stehen zu wollen und sich vorzudrängen. Vielfältige Unterrichtsmethoden würden allen bessere Chancen der Partizipation bieten. (Oona Kroisleitner, 9.3.2016)

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Rose of Sapatão: Die Skulptur ist für die 31. São-Paulo-Biennale im Jahr 2014 entstanden. Sapatão bedeutet "großer Schuh" und ist in Brasilien eine Slangbezeichnung für Lesben. Diese Arbeit von Nilbar Güreş ist im Museum der Moderne Salzburg zu sehen und wurde aus Mitteln der Galerienförderung des Bundes angekauft.
    foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

    Rose of Sapatão: Die Skulptur ist für die 31. São-Paulo-Biennale im Jahr 2014 entstanden. Sapatão bedeutet "großer Schuh" und ist in Brasilien eine Slangbezeichnung für Lesben. Diese Arbeit von Nilbar Güreş ist im Museum der Moderne Salzburg zu sehen und wurde aus Mitteln der Galerienförderung des Bundes angekauft.

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