Weltreligionen: Im Namen der Väter

Essay6. März 2016, 12:00
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Die drei großen monotheistischen Religionen – Christentum, Judentum, Islam – definieren alle den Mann als zentrale Autorität

In der aktuellen Filmkomödie "Zoolander 2" gibt es eine neue Version der berühmten Erzählung vom Paradies: Unter dem Baum, an dem der verhängnisvolle Apfel hing, gab es nicht nur "Adam and Eve, but also Steve". Steve ist der Urahn aller Models, eine zweideutige Figur, die ganz im Zeichen des Narzissmus steht, von dem die populäre Kultur mit ihren Schönheiten und Berühmtheiten geprägt ist.

Er ist auch eine Figur, die sich – selbstbezüglich, androgyn, sexuell vieldeutig – in das traditionelle Geschlechterverhältnis drängt. Denn mit dem Sündenfall, der von Eva begangen wurde, kam nicht nur die Erkenntnis von Gut und Böse in die Welt, sondern auch ein Verhältnis von Mann und Frau.

Die Genesis-Erzählung der Bibel ist ein zusammengesetzter Text, in dem verschiedene Motive durcheinandergebracht werden. Aber der Tenor war zu eindeutig, um nicht wirkmächtig zu werden: Die Frau ist dem Mann untertan, und sie ist es, die die Sünde in die Welt bringt. Viele Jahrhunderte nach diesem historisch natürlich nicht datierbaren "Ereignis" sah sich der Kirchenvater Augustinus in seinem Kampf mit der Libido immer wieder in diesen Sündenzusammenhang hineingezogen.

"Rückständige" Religion

Wie bei allen Mythen haben wir es dabei mit einer zweifachen Begründungsstruktur zu tun: Die Erzählungen sind ebenso sehr Ausdruck patriarchalischer Verhältnisse, wie sie diese dann auch wieder begründen und verstärken. Gleichzeitig tragen sie aber auch schon die Möglichkeit der Überwindung dieser Verhältnisse in sich. Denn sie lassen sich eben lesen, und zwar immer wieder neu.

Die alberne Parodie in "Zoolander 2" gehört auch noch in diesen langen Prozess von Überarbeitungen der Genesis, die im Übrigen erst einige Kapitel später mit der Figur des Abraham das eigentlich relevante Vorbild für den männlichen Familienvorsitz hervorbringt.

Erzvater Abraham soll so viele Nachkommen haben, wie es Sterne am Himmel gibt (also unendlich viele). Die Erfüllung dieser Prophezeiung enthält allerdings eine dynastische Störung, denn das erste Kind Ismael, von Sklavin Hagar, ist illegitim, erst als die rechtmäßige Ehefrau Sara auch noch einen Sohn bekommt, Isaak, kommt die Verheißung wieder auf Kurs, und der lautet bekanntlich: gelobtes Land.

Auf Abraham beziehen sich alle drei großen monotheistischen Religionen, für die gegenwärtigen Weltkonflikte ist dabei vor allem entscheidend, dass sich hier sehr deutlich die Sozialform ausnehmen lässt, die unser heutiges Bild von "rückständiger" Religion prägt: ein Familienverband, in dem alles auf den Mann als die entscheidende Autorität ausgerichtet ist.

Abrahams Weg führte ihn aus dem heutigen Irak über die Türkei und Syrien nach Palästina. Das umfasst ziemlich genau die Weltgegend, in der gegenwärtig Religionen und religiös begründete Ideologien auf säkulare Machtansprüche treffen – und von wo viele Menschen zu Fluchtbewegungen aufbrechen, die sie über kulturelle Grenzen führen, hinter denen für sie ungewohnte Geschlechterverhältnisse herrschen.

Ursprünglicher Islam: Egalitäre Verhältnisse

Ob namentlich der Islam eine Religion ist, die per se im Widerspruch zur modernen Gleichstellung von Mann und Frau steht, ist einer der großen Streitpunkte.

Die kürzlich verstorbene marokkanische Feministin und Soziologin Fatima Mernissi stellte eindeutig eine starke Ideologie der "schweigenden, passiven, gehorsamen Frau" im Islam fest, wie auch eine Angst vor der begehrenden und begehrenswerten Frau.

Sie versuchte aber auch einen ursprünglichen Islam zu (re)konstruieren, in dem egalitäre Beziehungen zwischen Mann und Frau herrschten. Den Propheten Mohammed nahm sie dabei gegen seine Nachfolger in Schutz. Mernissi sah sich mit einer doppelten Mission konfrontiert: einen aus der Ideologie befreiten Islam gleichzeitig gegen Fundamentalismus und das Ressentiment der Islamophobie zu verteidigen.

Analoge Bemühungen gibt es unter christlichen Feministinnen. Das mittlerweile klassische Buch "Zu ihrem Gedächtnis" von Elisabeth Schüssler Fiorenza liest die Geschichte der Urkirche gegen den Strich. Paulus, häufig als Kronzeuge für eine "Unterordnung" der Frau bemüht, steht hier auch am Ursprung von später vergessenen Formen der "Gleichheit im Heiligen Geist". Die berühmte Formel aus dem Galater-Brief, die auf eine Aufhebung aller Unterschiede hinausläuft, wird zu einem gemeinschaftlichen Manifest der frühen Kirche, auf das Paulus kein exklusives Patent hat.

Vorherrschaft weißer Männer

Allerdings kann auch Schüssler Fiorenza die Augen nicht vor den komplizierten Realitäten verschließen, die sich aus der Abgrenzung der Christen vom Judentum ergaben. Sie prägte schließlich den Begriff der Kyriarchie, mit dem sie die allgemeinen Vorherrschaftsstrukturen "weißer" Männer zusammenzufassen versuchte. Bis heute sind die Verhältnisse vielfach zutiefst kyriarchisch geprägt, wenn man an so unterschiedlichen Figuren wie Putin, Strauss-Kahn, Trump oder Erdogan denkt, die für ihre einseitigen gesellschaftlichen Wunschbilder allerdings nur noch teilweise die Religion in Dienst nehmen.

Die Spannung zwischen einer Tabuisierung der Sexualität und ihrer Befreiung, die den autoritär strukturierten Familienverhältnissen eingeschrieben ist, lässt sich auch bis an die Ursprünge der Mythologie zurückverfolgen. Die jüdische Feministin Judith Plaskow etwa hat hinter der Figur der Eva eine ältere Figur namens Lilith "entdeckt", die als "Adams erste Frau" ein ganz anderes Geschlechterverhältnis begründete als das, das nicht nur Augustinus ein schlechtes Gewissen bereitete.

Wenn man die Geschlechterpolitik der monotheistischen Buchreligionen bestimmen möchte, dann wird es nicht so sehr darauf ankommen, wie stichhaltig solche Relektüren sind, die ihrerseits häufig neue Mythologien begründen. Es kommt vor allem darauf an, ob Religionen und ihre Vertreter sich überhaupt auf eine Geschichtlichkeit einlassen, die es erlaubt, zu den Quellen und hinter diese zurückzugehen, Texte neu zu lesen und Festlegungen aufzubrechen. Zum Beispiel zu Adam und Eva eben eine Lilith (oder einen Steve) hinzufügen – oder zum Koran satanische Verse.

Die Kyriarchien der Gegenwart instrumentalisieren Religion häufig, um sich gegen die Zumutungen der Geschichte zu wappnen. So erst kann die Suggestion einer überzeitlichen Ordnung entstehen, die es gegen die Moderne zu verteidigen gilt. In dieser Ordnung haben meistens Männer das Sagen, und die behaupten dann eben gern, das wäre von Gott so gewollt. Was aber will die Göttin? Wer das wissen will, muss zwischen den Zeilen lesen.(Bert Rebhandl, 6.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Worship: Das Foto aus der "TrabZONE"-Serie 2010 zeigt eine Anbetungsszene, die es so gar nicht geben dürfte. Zwei Frauen knien auf dem Teppich der leeren Moschee in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer – im Erdgeschoß, das Männern vorbehalten ist. Nilbar Güres wollte das Bild bewusst in einer religiös besonders rigiden Umgebung machen, im Wissen, dass dieser Tabubruch da noch gefährlicher war als anderswo.
    foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

    Worship: Das Foto aus der "TrabZONE"-Serie 2010 zeigt eine Anbetungsszene, die es so gar nicht geben dürfte. Zwei Frauen knien auf dem Teppich der leeren Moschee in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer – im Erdgeschoß, das Männern vorbehalten ist. Nilbar Güres wollte das Bild bewusst in einer religiös besonders rigiden Umgebung machen, im Wissen, dass dieser Tabubruch da noch gefährlicher war als anderswo.

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