Wien-Liesing: Erste Flüchtlinge bezogen umstrittenes Großquartier

4. März 2016, 15:50
427 Postings

Betreuer nach Protesten um Dialog mit Anrainern bemüht – 31 Erwachsene und 20 Kinder trafen am Donnerstag ein

Wien – Am Freitagvormittag war von der aufgeheizten Stimmung rund um die Ziedlergasse in Wien-Liesing nichts zu bemerken. Die ersten 51 Asylsuchenden – darunter 20 Kinder – bezogen ohne Anrainerproteste bereits am Donnerstagnachmittag das neue Flüchtlingsquartier für bis zu 750 Menschen.

Das Übergangsquartier – Ziel ist, dass die dort Untergebrachten in weiterer Folge in kleinen, fixen Quartieren unterkommen – wurde von den Bezirksbewohnern bisher mit wenig Begeisterung aufgenommen. Bei Bürgerversammlungen schlug den Verantwortlichen viel Misstrauen entgegen. Sicherheitsbedenken sowie die Befürchtung, dass deutlich mehr als 750 Personen einziehen könnten, wurden geäußert. Bezirk, Stadt und Betreuer bemühten sich zu kalmieren.

Kooperation und Sachverstand

Auch am Freitag zeigte sich der Liesinger Bezirksvorsteher Gerald Bischof (SPÖ) vor Journalisten "zuversichtlich", dass die "Herausforderung mit Sachverstand" zu lösen sei. Die Bezirksfraktionen SPÖ, ÖVP, Grüne und Neos würden miteinander kooperieren und sowohl mit den Quartierbetreibern als auch den Anrainern zusammenarbeiten.

Robert Heindl, Geschäftsführer der Johanniter in Wien, die das Übergangsquartier gemeinsam mit dem Samariterbund betreuen werden, sagte, dass die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ernst genommen würden. So sei etwa ein Sicherheitsdienst beauftragt worden – fünf Mitarbeiter sollen im Empfangsbereich, im Haus sowie auf dem umliegenden Areal nach dem Rechten sehen.

Ängste unbegründet

Außerdem wurde für Fragen, Beschwerden oder auch Hilfsangebote eine Telefonnummer eingerichtet, unter der einer der Heimbetreuer zu erreichen ist. Ein "Get Together" sei in Planung. Und Anrainer würden bald zu einer Führung durch das Haus eingeladen. Man werde "alles tun für ein friedliches Einvernehmen mit den Nachbarn", so Heindl.

Er sagte aber auch, dass er die Sorgen der Anrainer aus Erfahrung nicht teilen könne: In anderen von den Johannitern betreuten Asylunterkünften habe sich gezeigt, dass Ängste unbegründet seien. Nur einmal habe die Polizei wegen eines Familienstreits gerufen werden müssen; was zunächst mit einer Wegweisung, dann mit einer Versöhnung geendet habe.

Bis zu 300 Menschen

Die 51 Asylsuchenden, die seit Donnerstag in Liesing wohnen, wurden schon bisher von den Johannitern betreut – in einer temporären Unterkunft, einer ehemaligen Bankfiliale in der Wiener Mariahilfer Straße. Sie mussten umziehen, weil der dortige Nutzungsvertrag auslief.

Bis Ende März sollen bis zu 300 Menschen aus anderen Quartieren in das Großquartier im 23. Bezirk verlegt werden. Der Nutzungsvertrag läuft bis März 2017. Bis dahin werden 56 Mitarbeiter – davon elf Sozialarbeiter – die Flüchtlinge rund um die Uhr betreuen.

Sprachförderung und Integration

Es werden Integrations- und Deutschkurse sowie Hilfe bei Amtswegen angeboten. Für Kinder und schulpflichtige Jugendliche werden neben sprachlicher Frühförderung auch Schulklassen eingerichtet.

Aus dem Bezirk gebe es auch bereits Angebote für die Freizeitgestaltung. So lade etwa ein Sportverein die Flüchtlingskinder zum Fußballspielen ein, sagte Heindl. Eine ansässige Kinderärztin wird die Unterkunft einmal pro Woche ehrenamtlich besuchen, außerdem gibt es eine Kooperation mit dem Ärztefunkdienst.

Angedacht seien auch gemeinnützige Tätigkeiten: So könnten Flüchtlinge etwa für Reinigungsarbeiten oder zum Schneeschaufeln eingesetzt werden.

Nicht nur Großquartiere

Die Liesinger Unterkunft gehört zu den Wiener Flüchtlingsquartieren mit der höchsten Kapazität. Platz für mehr als 750 Menschen bieten das Haus in der Vorderen Zollamtsstraße im dritten Bezirk (bis zu 900) sowie das Geriatriezentrum Am Wienerwald (maximal 985). Die Einrichtungen seien aktuell aber nicht voll belegt, heißt es aus dem Büro des Fonds Soziales Wien (FSW) auf Anfrage des STANDARD.

Grundsätzlich würden Großquartiere nicht forciert. Von den aktuell 21.300 Personen in der Wiener Grundversorgung sind laut FSW 49 Prozent privat untergebracht. Seit September 2015 seien 50 neue Einrichtungen mit insgesamt rund 1.900 beziehungsweise durchschnittlich 38 Plätzen geschaffen worden.

Demo und Gegenproteste

Der Protest gegen das Quartier in Wien-Liesing dürfte noch nicht verebbt sein. Die FPÖ kündigte für 14. März eine Demonstration an. Die "Offensive gegen rechts" rief zu Gegenprotesten auf. (Christa Minkin, 4.3.2016)

  • Das ehemalige Bürogebäude wird bis März 2017 für die Flüchtlingsunterbringung genutzt.
    foto: apa / helmut fohringer

    Das ehemalige Bürogebäude wird bis März 2017 für die Flüchtlingsunterbringung genutzt.

  • Neben Stockbetten wurden auch weitere WCs und Duschmöglichkeiten installiert. Auch die Kantine wurde adaptiert.
    apa / helmut fohringer

    Neben Stockbetten wurden auch weitere WCs und Duschmöglichkeiten installiert. Auch die Kantine wurde adaptiert.

Share if you care.