"Als Mann war ich eine schlechte Herrenimitation"

9. März 2016, 11:08
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Claudia Kristine Schmidt war einst ein Mann. Nach ihrer Transition hat sich die Wahrnehmung der Geschlechter verändert

Beginnen wir gleich einmal mit einem Klischee, einem echten Schenkelklopfer für den Stammtisch. "Ich mag Schuhe, auch hohe Hacken, da bin ich eine echte Frau", sagt Claudia Kristine Schmidt und lacht. Frauen und Schuhe, sie kennt die blöden (Herren-)Witze darüber, aber was soll’s. Es ist eben so und gehört auch zu ihrer Geschichte dazu.

Diese hat der 50-jährigen Berlinerin gleich zwei Geburten beschert, wie sie sagt: "Vor 50 Jahren wurde ich als Mensch in Brandenburg geboren, später dann als Mädchen in Berlin." In Brandenburg, dem weiten, flachen Land um Berlin, war sie noch ein Mann. Man fragt natürlich nach dem Namen, aber sie möchte ihn nicht nennen: "Ich habe ihn abgelegt. Er ist nicht wichtig."

"Dann kommt bei mir echt die Claudia raus"

Dennoch berichtet sie freimütig über ihre Zeit als Mann in einem kleinen deutschen Dorf. Es stimmte irgendwie nichts, es passte nicht zusammen. "Was es war, wusste ich nicht, ich hatte als Jugendlicher ja noch keine Ahnung, dass es Transmenschen gibt", sagt Claudia Schmidt, Menschen also, bei denen das angeborene Geschlecht nicht mit dem gefühlten übereinstimmt.

Daheim trug sie, die damals noch ein Er war, Frauenkleider, ließ sie aber, aus Rücksicht auf die Mutter, im Schrank hängen, wenn sie das Haus verließ. Irgendwann kam die Einsicht: "Wenn ich Frauenkleider anhabe und wenn der Vollbart ab ist, dann kommt bei mir echt die Claudia raus."

Heute, als Frau, ist Claudia bisexuell, sie lebt mit einem Mann mit der gleichen sexuellen Orientierung in der deutschen Hauptstadt zusammen. Und sie sagt auch, dass sie eigentlich nicht so sehr zwischen Frauen und Männern unterscheide, sondern Menschen sehe. "Wenn man mich fragt, was ich mit weiblich oder männlich verbinde, dann fällt mir zuallererst immer noch ein, es sind beides Menschen", sagt sie. Es hängt beim Gespräch in einem Berliner Café also irgendwann die Frage über dem Tisch, warum die körperliche Umwandlung in eine Frau denn nötig war. Man(n) könne sich doch zuallererst als Mensch fühlen oder auch als Mann mit einer weiblichen Seite – was immer das für einen persönlich bedeuten mag.

"Ungepflegter, bärtiger Wonneproppen"

Claudia versteht die Frage. Aber sie schüttelt den Kopf und sagt: "Es ging nicht. Als Mann war ich eigentlich nur eine schlechte Herrenimitation." Sie berichtet von viel zu viel Alkohol, vom ewigen Unglücklichsein, von Beziehungsunfähigkeit und bezeichnet sich selbst im Rückblick auf diesen Lebensabschnitt als "ungepflegten, bärtigen Wonneproppen mit einigem Übergewicht."

Sie habe die ganze Zeit das Gefühl gehabt: "Ich muss etwas spielen, was ich gar nicht bin." 2008 hatte sie, nach langen Gesprächen mit einer Psychogin ihr Coming-out. Es war eine Befreiung. Binnen zweier Monate nahm Claudia mühelos zwanzig Kilogramm ab, stellte das Trinken ohne begleiteten Entzug ganz von selbst ein. "Es war plötzlich eine Energie da, die ich noch nie zuvor gespürt hatte", erinnert sie sich.

Grundsätzlich sei ihr Gefühlsleben nach der Geschlechtsangleichung – sie weist im Gespräch höflich darauf hin, dass "wir nicht Geschlechtsumwandlung sagen, weil wir ja nicht fortpflanzungsfähig sind" – sehr viel intensiver geworden, und zwar im Positiven wie im Negativen.

Ein unglückliches Kind

"Ich bin viel kontaktfreudiger. Auf Kinderfotos sieht man mich hingegen meist als verschlossenen unglücklichen Jungen", erzählt sie. Ihre äußerliche Wandlung endet nicht mit den eingangs erwähnten Schuhen. Claudia trägt gern figurbetonte Kleidung. "Femme fatale" steht auf ihrem pinken Shirt, über das sich eine auffällige Perlenkette legt. Korsetts mag sie auch sehr gern, diese werden eigens von einer Schneiderin angefertigt. Sich zu pflegen und auf das Äußere zu achten sei ihr als Frau ein enorm großes Bedürfnis: "Das war früher als Mann nicht so."

Verändert hat sich aber nicht nur die Außensicht auf sich selbst. Sie bemerkt seit der Geschlechtsangleichung auch andere Verhaltensweisen: "Wenn ich mit der S-Bahn fahre und sehe, wie Männer breitbeinig auf den Sitzen lümmeln, finde ich das grauenvoll." Dahinter sieht sie ein "männliches Platzhirschgehabe", das sie selber früher auch hatte.

"Ich war ja nicht anders", meint Claudia, "Männer sind viel stärker präsent und raumgreifend, Frauen hingegen nehmen sich zurück und lassen anderen den Vortritt." Die 50-Jährige glaubt, dass es eine Sache der Erziehung sei: "Männer werden einfach immer noch von klein auf darauf getrimmt, Anführer zu sein."

Sie ist froh, dass diese Zeiten für sie vorbei sind. Und dann, zum Schluss, überlegt Claudia kurz, lächelt und sagt: "Ich habe es nie bereut, eine Frau zu werden. Denn eigentlich sind Frauen dann doch die besseren Menschen." (Birgit Baumann aus Berlin, 5.3.2016)

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Der gleiche Mensch, vorher als Mann, jetzt als Frau: Claudia Kristine Schmidt aus Berlin hat die Geschlechtsanpassung nie bereut.
    foto: privat

    Der gleiche Mensch, vorher als Mann, jetzt als Frau: Claudia Kristine Schmidt aus Berlin hat die Geschlechtsanpassung nie bereut.

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