Ich habe kein Problem damit, hier Baba zu sagen

5. März 2016, 15:00
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Maria Scheithauer lebt seit fast einem halben Jahrhundert als Witwe in ihrer Wohnung in Wien-Margareten

Maria Scheithauer lebt seit fast 50 Jahren als Witwe in Wien-Margareten. Die Zeit als alleinerziehende Mutter in den Sechzigern war alles andere als einfach. Heute ist sie 98 Jahre alt und fühlt sich so resolut wie noch nie.

"Jetzt wohne ich schon seit fast 70 Jahren hier. Unvorstellbar, oder? Eingezogen bin ich im Herbst 1946 mit meinem Mann Willi und meinem älteren Sohn. Die Häuser rundherum hatten Bombenschäden und waren zum Teil in einem erbärmlichen Zustand. Für uns als junge Familie, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hatte, war diese Wohnung ein Segen. 45 Quadratmeter, zwei Zimmer, Wasseranschluss, Klo, und das Ganze im schönen, zentralen Margareten.

foto: lisi specht
"Als ich die Möbel gekauft habe, waren sie ganz neu. Heute höre ich die Jugend sagen: So schöne Vintage-Sachen!" Maria Scheithauer in ihrem Wohnzimmer.

Wir haben hier unseren zweiten Sohn bekommen und ein einfaches Leben geführt. 1967 ist mein Mann verstorben. Er ist ins Geschäft gegangen und hat dort plötzlich einen Herzinfarkt bekommen. Seit damals, seit fast 50 Jahren, bin ich Witwe. Den Partner zu verlieren ist etwas Schreckliches, vor allem in so jungen Jahren. Ohne meine Kinder hätte ich keinen Grund gesehen weiterzumachen. Aus heutiger Sicht jedoch kann ich sagen: Mit diesem Schicksalsschlag hat sich mein Leben um 180 Grad gewendet. Mit der Zeit bin ich stark geworden, und ich habe mich noch nie so resolut gefühlt wie heute.

Damals hatte ich kein Geld, keine Ausbildung, keinen Job und ehrlich gesagt auch keine Perspektive. Für eine Frau, die 1918 geboren wurde und die Zwischenkriegszeit erlebt hat, waren Schule und Beruf absolut nebensächlich. Das Wichtigste war, zu überleben. Dabei hat man mehr gelernt als in acht Jahren Volksschule! Doch nun war ich mit einem Mal alleinerziehende Mutter. Nach dem Begräbnis meines Mannes habe ich begonnen, mich nach einer Stelle umzuschauen. Das war nicht einfach, denn für Frauen am Arbeitsmarkt galt ein Höchstalter von 40. Ich war damals schon fast 50.

fotos: lisi specht

Ich habe etliche Bewerbungen verschickt, als Aushilfe, Verkäuferin, Servierkraft. Nach vielen Versuchen habe ich eine Stelle bekommen, in einem Lokal, fast so wie die am Gürtel, die ausschauen, als wäre das ganze Jahr über Krampus. Fünf Jahre habe ich als Kellnerin gearbeitet. Danach war ich Verkäuferin am Käsestand im Quelle-Kaufhaus in Simmering – obwohl ich Käse nicht ausstehen kann. Bis zu meiner Pensionierung 1980 war ich die wohl schlechteste Käseverkäuferin Wiens. Es ist die Miete reingekommen. Das war das Wichtigste.

Mit dem Traum von einer schönen Wohnung war's das dann. Für mehr hat das Geld nicht gereicht. Bis auf wenige Möbelstücke ist die Wohnung seit den Sechzigerjahren unverändert. Hie und da ein neuer Stuhl oder eine Sitzbank, die ich mir übrigens zu meinem 90. Geburtstag geschenkt habe, weil die alte schon so schiach und verschlissen war. Ich habe mir gedacht: Maria, wenn nicht jetzt, wann denn dann? Mit 95 wirst du dich nicht mehr neu einrichten! Und jetzt bin ich 98 und liebäugle immer noch mit der Idee, ein bisschen was zu verändern.

fotos: lisi specht

Als ich die Möbel gekauft habe, waren die alle nigelnagelneu. Und heute höre ich die Jugend sagen: So schöne Vintage-Sachen! Oder wie das heißen mag ... Das ist ein komisches Gefühl. Meine Enkelinnen sagen immer: Oma, die Stühle gehören neu gebeizt, dann sind sie wieder wie neu! Ich glaube, ich würde mich am liebsten gleich mitbeizen lassen.

Mir gefällt die Wohnung immer noch im Großen und Ganzen. Ich habe kein Problem damit, in diesem Ambiente Baba zu sagen. Ich spiele nicht Lotto, denn das finde ich blöd. Aber angenommen, ich würde es tun und dann auch noch gewinnen, dann würde ich mir sofort eine neue Wohnung mit komplett neuen Möbeln suchen. Alles müsste neu sein, ich weiß noch nicht wie, aber neu! Und wenn es nur für die letzten drei Tage meines Lebens ist." (5.3.2016)

Maria Scheithauer, geboren 1918 in Maria Lanzendorf bei Wien, wuchs in Ebreichsdorf auf. Während des Zweiten Weltkriegs wohnte sie in Blumau, nach dem Krieg übersiedelte sie mit dem Traktor und ein paar Koffern nach Wien. Seit 1946 lebt sie in einer Wohnung in Margareten. Am 8. Februar feierte sie ihren 98. Geburtstag.

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
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