Künstlerinnen: Unausgewogene Verhältnisse

8. März 2016, 11:18
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Werke von Künstlerinnen sind auf dem internationalen Markt über alle Epochen hinweg unterbewertet

Müssen Frauen nackt sein, um auf dem Kunstmarkt Rekorde zu erzielen? Die adaptierte und ursprünglich auf den Museumsbetrieb gemünzte Frage der New Yorker Künstlergruppe "Guerrilla Girls" kann sowohl mit "ja" als auch mit "nein" beantwortet werden. Nein, da Rekordzuschläge unabhängig vom schaffenden Geschlecht für Kunstwerke notiert werden. Dass dies insgesamt öfter bei Werken männlicher Künstler der Fall ist, liegt schlicht an der geringeren Anzahl weiblicher Kunstschaffender.

Ja, sofern die teuersten je auf dem Markt gehandelten Werke der Maßstab wären, denn unter den Top-100 ist keine einzige Künstlerin vertreten. Und an der Spitze der Auktionszuschläge geizen die Dargestellten nicht mit ihren Reizen: Busenblitzer bei Pablo Picassos Femmes d'Alger (Christie's 2015: 179,36 Mio. Dollar) oder Amedeo Modiglianis Akt Nu couché (Christie's 2015: 170,4 Mio. Dollar).

Die mediale "Behandlung" letzteren Gemäldes im Umfeld der Versteigerung war nebenbei bemerkt teils ungewöhnlich: Die Financial Times, die Mitte vergangenen Jahres an die japanische Mediengruppe Nikkei verkauft wurde, überdeckte Brüste und Scham mit schwarzen Balken. Der Kunstmarkt-Redakteur der deutschen Tageszeitung Die Welt qualifizierte das Bild, das öfter als jedes andere von Modigliani in der Fachliteratur publiziert wurde, gar als platten Softporno und Wichsvorlage ab.

Sexismus ist in dieser Branche im 21. Jahrhundert eher selten, wenngleich existent. Es sei nun mal eine Tatsache, merkte Baselitz in einem Spiegel-Interview 2013 beispielhaft an, dass Frauen nicht so gut malen könnten und deshalb die Markt- und Wertprüfung nicht bestünden. Ausnahmen gebe es freilich.

Geht es um das Thema Geschlechterverhältnis, liefert der Kunstmarkt über Statistiken eindeutige Fakten. Unabhängig von Epochen und Stilen – bei Alten Meistern (u. a. Angelica Kauffmann, Artemisia Gentileschi, Lavinia Fontana), im 19. Jahrhundert (Berthe Morisot), in der Moderne (u. a. Marie Laurencin, Frida Kahlo, Georgia O'Keeffe) oder bei Zeitgenossen (u. a. Louise Bourgeois, Agnes Martin, Joan Mitchell, Barbara Hepworth) – hinkt die Preisentwicklung für Werke von Künstlerinnen deutlich hinter der ihrer männlichen Kollegen her.

Gemessen am höchsten je auf dem Sekundärmarkt erzielten Wert führt Georgia O'Keffee (Sotheby's 2014: Jimson Weed, White Flower No. 1, 44,4 Mio. Dollar), am Umsatz des Vorjahres orientiert wiederum Yayoi Kusama (laut Artprice 57,3 Mio. Dollar für 464 versteigerte Kunstwerke). Deutlich tritt das Missverhältnis auch auf dem Primärmarkt zutage.

Laut einer deutschen Studie von 2013 sind Künstlerinnen mit nur 25 Prozent in zeitgenössischen Galerien nur als Minderheit vertreten. (Olga Kronsteiner, 8.3.2016)

STANDARD-Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • 44,4 Millionen Dollar sind der bislang höchste Wert, der je bei einer Auktion für ein Werk einer Künstlerin bewilligt wurden: 2014 bei Sotheby’s für Georgia I’Keeffes "Jimson Weed, White Flower No.1".
    foto: sotheby’s

    44,4 Millionen Dollar sind der bislang höchste Wert, der je bei einer Auktion für ein Werk einer Künstlerin bewilligt wurden: 2014 bei Sotheby’s für Georgia I’Keeffes "Jimson Weed, White Flower No.1".

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