Giorgio Bassani: Eine unwiederbringlich verlorene Zeit

Porträt4. März 2016, 13:12
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Der Ferrareser Schriftsteller hat dem jüdischen Bürgertum Norditaliens ein literarisches Denkmal gesetzt. Ein Porträt zum 100. Geburtstag

Wie plötzlich und radikal Wertschätzung und Achtung in Ablehnung und Verachtung umschlagen können, das hat der italienische Schriftsteller Giorgio Bassani in Die Brille mit dem Goldrand 1958 eindrucksvoll geschildert. Der Protagonist dieses kleinen Romans ist der beliebte Hals-Nasen-Ohren-Arzt Athos Fadigati, der Mitte der 1920er-Jahre, in einer Zeit, als sich der Faschismus als große Partei etablierte und "für alle, die noch keinen Platz gefunden hatten, zu sorgen vermochte", eine mondäne Praxis in Ferrara eröffnete. Beliebt? Mehr als das. Der Besuch bei Fadigati "wurde mehr als eine bloße Mode, eine wahre Erholung" und als solche von der besseren Gesellschaft manchem Club-Besuch vorgezogen. Hier fand man sich in einem eleganten Ambiente durch kultivierte Gespräche medizinisch beraten und intellektuell stimuliert. Die ganze Stadt zerbricht sich den Kopf über eine passende Partie für den angesehenen Arzt, als auf einmal Gerüchte über dessen Neigungen kursieren und sich die Ferrareser, schleichend, aber beharrlich, von ihm abwenden, ihn fallenlassen, ihn – und damit zugleich ihre vormalige Vernarrtheit in seine weltmännische, gebildete, überlegene Erscheinung – belächeln, verspotten, verachten.

An dieser Stelle, noch lange bevor sein Dottor Fadigati durch einen jungen Liebhaber coram publico gedemütigt und in den Ruin getrieben wird, hat Bassani bereits den gesamten Mikrokosmos der Kleinstadt vor dem Leser ausgebreitet – nicht irgendeiner Kleinstadt, sondern jenen Ferraras, der im Zentrum nahezu aller literarischen Texte Bassanis steht. Bassani, der am 4. März 1916 in Bologna geboren wurde, entstammte selbst dem jüdischen Bürgertum Ferraras. Nach seinem Literatur-Studium, das er nach dem Erlass der Rassengesetze von 1938 gerade noch abschließen konnte, arbeitete Bassani als Lehrer an der jüdischen Schule in Ferrara, wo die aus den öffentlichen Schulen ausgeschlossenen jüdischen Schüler unterrichtet wurden. Sein antifaschistisches Engagement brachte ihn 1943 kurzzeitig ins Gefängnis, nach seiner Freilassung tauchte Bassani unter und überlebte den Krieg unter falschem Namen in Rom. Hier schrieb er seit den 1950er-Jahren neben seinen literarischen Werken auch Drehbücher und Beiträge für Zeitschriften, hier arbeitete er als Übersetzer und Lektor für den Feltrinelli-Verlag. Sein größter verlegerischer Coup war 1958 die "Entdeckung" und Veröffentlichung des Gattopardo (Der Leopard) von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der zu einem der meistverkauften italienischen Romane der Nachkriegszeit wurde.

In Rom, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lebte, denkt sich Bassani zurück in seine Heimatstadt. Sein Prosahauptwerk, bestehend aus vier Romanen und zwei Bänden mit Erzählungen, fasste er 1980 zu einem großen Zyklus, dem Romanzo di Ferrara, zusammen. Bassanis Erzählen ist Erinnerung. In fast allen seinen Texten lässt ein Erzähler vergangene Zeiten wieder aufleben: eine unwiederbringlich verlorene Zeit, die zu Ende ging, als die jüdischen Bürger Ferraras 1938 aus dem Leben der Stadt ausgeschlossen wurden.

'Von mir erfundenes Universum'

1938 wird der namenlose jugendliche Ich-Erzähler in Bassanis vielleicht erfolgreichstem, 1970 von Vittorio De Sica mit Helmut Berger verfilmtem Roman Die Gärten der Finzi-Contini (1962) zunächst aus dem örtlichen Tennis-Club ausgeschlossen. Während sich die Restriktionen im städtischen Leben für den jüdischen Knaben ständig verschärfen, öffnen sich ihm bislang verschlossene Pforten, jene zum herrschaftlichen Anwesen der Familie Finzi-Contini und zu ihrem aristokratischen Lebensstil. Hier werden private Tennispartien abgehalten, der Erzähler kann seine Diplomarbeit in der hauseigenen Bibliothek fertigschreiben, nachdem ihm der Zutritt zur städtischen verwehrt ist, und er verliebt sich in Micòl, die Tochter des Hauses.

Die Familienchronik wird hier durch Bassanis präzise Schilderung eines Milieus, seine detaillierte Studie der Mentalität des gehobenen Bürgertums, zur historischen Perspektive erweitert. Bassanis Kunstfertigkeit besteht darin, das Private allgemeingültig darzustellen. Fiktion gründet bei Bassani auf Wirklichkeit, persönliche Beobachtungen und Erinnerungen sind stets mit historischen Ereignissen verbunden. In den Vordergrund des Erzählens rückt häufig der Konflikt der einzelnen Figuren mit der Gesellschaft. Bassanis Protagonisten sind zumeist isoliert: ihrer Herkunft, Gesinnung oder Sexualität wegen von den Bürgern der Stadt aus ihrer Mitte ausgeschlossen oder durch Selbstausgrenzung in Opposition zur Gesellschaft gebracht, wie der Ich-Erzähler des Adoleszenzromans Hinter der Tür (1956) oder der Protagonist des letzten, 1968 erschienenen Romans Der Reiher, der jüdische Gutsbesitzer Limentani, der sich als Überlebender in der postfaschistischen Gesellschaft fehl am Platz fühlt.

Ferrara nannte Bassani einmal "dieses kleine, abgesonderte, von mir erfundene Universum", und mit der Zeit lernt sein Leser die Straßenzüge Ferraras, die Lage der Stadtteile, sogar das Umland und die Zugverbindungen nach Bologna und Venedig immer besser kennen. Zu manchen Schauplätzen kehrt der Erzähler immer wieder zurück: insbesondere zur Synagoge in der Via Mazzini und zum außerhalb des Zentrums gelegenen jüdischen Friedhof, wo Bassani heute selbst begraben liegt. Doch das vielleicht berühmteste Grab Ferraras wird man hier vergeblich suchen. Die monumentale letzte Ruhestätte der Finzi-Contini ist Teil der von Bassani erfundenen Stadt und Ausgangspunkt seiner Erinnerung an jene fiktive Familie, die im Herbst 1943 nach Deutschland deportiert wurde.

An solchen Erinnerungsorten katapultiert Bassani den Leser weit zurück, in das Leben der Toten. "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie stirbt nie. Es ist also möglich, die Vergangenheit zurückzuholen", schreibt er. "Aber man muss, wenn man sie wirklich zurückgewinnen will, eine Art Korridor durchlaufen, der jeden Augenblick länger wird. Und unten, ganz am Ende, an dem fernen, im hellen Sonnenlicht liegenden Punkt, dort, wo die schwarzen Wände des Korridors fast zusammenlaufen, dort steht das Leben, so lebendig und pochenden Herzens wie damals, als es sich das erste Mal ereignet hatte. Also ewig? Gewiss. Und nichtsdestoweniger immer ferner, immer mehr sich entziehend, immer weniger geneigt, sich noch einmal besitzen zu lassen."

Bassanis geistige Topografie umfasst die grausamsten Gebiete der Geschichte. 183 Juden aus Ferrara sind in Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden. In der 1960 erschienenen Erzählung Eine Gedenktafel in der Via Mazzini (Una lapide in via Mazzini) wird dieser Opfer nach Kriegsende mit dem Errichten einer Tafel gedacht, in die die Namen der Ermordeten gemeißelt wurden. Doch ein hier Verewigter, Geo Josz, kehrt noch zurück. Er hat Mauthausen überlebt und möchte nun in seine früheren Rechte eingesetzt werden. Der unerwartete Heimkehrer wird zum Ärgernis für die Ferrareser Bürger, die nicht an die Vergangenheit erinnert werden möchten. Für sie ist die Aufarbeitung der Geschehnisse mit dem Aufstellen eines Gedenksteins erledigt. Man hatte sich nach Kriegsende schnell arrangiert, den eigenen Opportunismus mit der Not gerechtfertigt und sich, mit dem raschen Verdecken der alten, an die neuen Zeiten angepasst.

Doch nun ist Geo Josz zurückgekehrt, als lebendiges Mahnmal, zu einem Zeitpunkt, "als ihn niemand mehr erwartete". Josz beharrt nicht nur darauf, dass sein Name vom Gedenkstein entfernt wird, er wird im Laufe der Erzählung sein Haftgewand aus dem Konzentrationslager tragen und von den Bürgern argwöhnisch auf Distanz gehalten. Die von Bassani zum Sprechen gebrachte Mehrheit muss sich rechtfertigen und reagiert mit Denunziation. Der Autor bringt hier einen Chor zum Sprechen. Die vielstimmige erlebte Rede einzelner sozialer Gruppen ist charakteristisch in Bassanis Werk, wobei er deren Denkweise zugleich nachstellt und durch Ironie auf Distanz hält. So macht er deutlich, dass es nicht bloß das Schweigen der Masse ist, das unerträglich laut werden kann, sondern auch das unsägliche Geschwätz der Gruppen, das die Rhetorik einer Stadt bestimmt. (Isabella Pohl, Album, 4.3.2016)

Giorgio Bassanis Romane und Erzählungen sind auf Deutsch im Wagenbach-Verlag erschienen.

  • Giorgio Bassanis Erzählen ist Erinnerung.
    foto: picturedesk

    Giorgio Bassanis Erzählen ist Erinnerung.

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