Hoaxes: Wie uns virale Lügen manipulieren

6. März 2016, 13:58
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Spektakuläre Geschichten und Bilder verbreiten sich im Internet wie Lauffeuer. Viele davon verfolgen bösartige Absichten

Im Internet fällt es schwer, Lügen von Wahrheiten zu unterscheiden. Der User ist auf sich alleine gestellt, sollte Quellenkritik beherrschen und Inhalte möglichst unvoreingenommen selektieren und reflektieren.

Da dies nicht immer gelingt, bergen gerade faszinierende und undurchsichtige Lügen das Potential, massenhaft verbreitet zu werden. Werden solche Falschmeldungen im Netz von vielen Personen geteilt, spricht man von Hoaxes. Beispiele davon gibt es zur Genüge.

Lennon rockt mit Che, Überwachung vor Orwells Haus

Beliebt sind vor allem gefälschte Bilder. Im Gegensatz zu rein textlichen Behauptungen stellen sie eine Kombination von narrativen Elementen und vermeintlichen Beweisen dar. Gefakte Bilder wirken somit realer als Textlügen, die diese Beweise oftmals schuldig bleiben oder sie erst mühsam konstruieren müssen.

Ein bekanntes Hoax ist hier etwa das Foto von John Lennon und Che Guevara, die sich offensichtlich zu einer Jam-Session verabredet hatten. Tatsächlich wurde hier jedoch einfach der Kopf des kubanischen Revolutionsführers auf den Körper von Gitarrist Wayne Gabriel kopiert.

Auch die Aufnahme von George Orwells altem Haus, auf dem heute eine Überwachungskamera angebracht sein soll, mag zwar vor Ironie strotzen, ist aber nicht echt. Hierbei handelt es sich um eine Manipulation des Künstlers Steve Ullathorne, der Bilder von Wohnorten verstorbener Berühmtheiten mit konträren oder amüsanten Elementen versehen hatte.

Mit Hausverstand oft zu entlarven

Während einige Fakes tatsächlich nur sehr schwer zu überführen sind und oft einer beharrlichen Recherche bedürfen, sind andere Hoaxes zumeist schnell und ohne Hilfsmittel zu entlarven.

Hätte man sich bei dem Foto eines bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 vermeintlich auf der Aussichtsplattform des World Trade Centers posierenden Touristen gefragt, warum sowohl Fotograf als auch der Fotografierte angesichts eines lautstark heranbrausenden Passagierflugzeugs so ruhig blieben, wäre schnell klar gewesen, dass es sich hier nur um einen makaberen "Scherz" handelte.

Ebenso sieht das Foto eines Soldaten in einer brenzligen Situation, das oftmals mit dem Spruch "und du denkst, du hattest einen schlechten Tag in der Arbeit?!" betitelt wurde, zwar spektakulär aus, wirkt aber wie Hai-Manipulation statt High-Risk. Tatsächlich wurden hier einfach zwei Bilder zusammengelegt.

Kanye West nicht Voldemort

Hoaxes findet man im Internet täglich. Durch ihre hohe Verbreitung halten sie sich auch hartnäckig, vor allem weil sich die unspektakulären und deillusionierenden Aufklärungen nicht im selben Ausmaß teilen lassen. Oft ziehen Fakes ihre Runden, sodass man manchmal mit einer zirkulierenden Falschmeldung konfrontiert wird, die bereits vor längerer Zeit im eigenen Umfeld Thema war und inzwischen andere Regionen heimsuchte.

Im Februar kursierte etwa ein vermeintlicher Screenshot einer Serie von Tweets von Kanye West, die zusammen ein Akrostichon ergaben. Die Anfangsbuchstaben der Meldungen formten auf Englisch den Satz "ICH BIN LORD VOLDEMORT". Da Kanye West dafür bekannt ist, sich für vieles zu halten und dies auch gerne mitzuteilen, wurde der Tweet mit dem Screenshot ernstgenommen und massenhaft retweetet. Blöd nur, dass die Tweets nicht in dieser Reihenfolge von West veröffentlicht wurden und er sich nicht als Antagonist Harry Potters geoutet hat.

Oftmals bösartige Absichten

Während hinter vielen Hoaxes wahrscheinlich bloß die Lust steckt, andere hinters Licht zu führen, oder unbedachte Bildmanipulationen eine ungewollte Reichweite bekommen, existieren durchaus böswillige oder dreiste Hoaxes, hinter denen sich auch Phishing-Versuche befinden können.

So sind Fälle bekannt, in denen User vortäuschen, mit ernsthaften Krankheiten konfrontiert zu sein, um Aufmerksamkeit oder sogar Geld zu bekommen. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, eine Krebs-Erkrankung anzuführen.

Ebenso wird oft mit gefälschten Todesmeldungen versucht, User hinters Licht zu führen und zum Beispiel Nutzerdaten zu sammeln, wie es in dieser Woche passierte, als eine Falschmeldung über einen vermeintlichen Suizid Stefan Raabs kursierte.

Derzeit werden Hoaxes vor allem dafür benutzt, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Auf der Hoaxmap lässt sich zum Beispiel die große Anzahl widerlegter Manipulationsversuche zu diesem Thema erkennen.

Auch existieren Falschmeldungen, die auf eine direkte Schädigung der benutzten Endgeräte abzielen, wie es derzeit etwa ein Hoax beabsichtigt, bei dem iPhones beschädigt werden sollen.

Aus Hoaxes lernen

Hoaxes sind aber, gerade wenn es sich nur um harmlose Bildfälschungen handelt, nicht unbedingt schlecht. Im digitalen Zeitalter, in dem Internetuser die Gatekeeper-Funktion traditioneller Medien umgehen können und in einer enormen Masse an Informationen für Selektion und Rezeption selbst verantwortlich sind, ist es notwendig, immer wieder daran erinnert zu werden, sorgfältig mit Quellen umzugehen.

Ein Meilenstein in diesem Lernprozess wurde dabei auch von ZDF-Satiriker Jan Böhmermann gelegt, der letztes Jahr behauptete, den mittlerweile berühmt gewordenen Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Varoufakis manipuliert zu haben. Hier hielt Böhmermann einem gesamten Land den Spiegel vor und dadurch Diskussionen entfachte, wie nachlässig man oft auch seitens der Medien mit Quellen umgeht. (Florian Schmidt, 6.3.2016)

  • Gerade in den sozialen Netzwerken stolpert man über zahlreiche Falschmeldungen.
    foto: imago/schöning

    Gerade in den sozialen Netzwerken stolpert man über zahlreiche Falschmeldungen.

  • Kanye West hält sich nicht für Lord Voldemort, wie es kürzlich in einem gefakten Tweet zu lesen war.
    foto: apa/afp/karen minasyan

    Kanye West hält sich nicht für Lord Voldemort, wie es kürzlich in einem gefakten Tweet zu lesen war.

  • Auch Stefan Raab lebt noch. Eine gefälschte Todesmeldung bestritt dies.
    foto: imago stock&people

    Auch Stefan Raab lebt noch. Eine gefälschte Todesmeldung bestritt dies.

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