Depression und Evidenz

Blog4. März 2016, 14:10
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Wer an Depressionen leidet, kann bei der Wahl der Therapieform mitbestimmen und erhöht dadurch den Behandlungserfolg. Antidepressiva sind nicht die einzige wirksame Option

Antidepressiva sind ein Milliardengeschäft und medizinisch ein heikles Thema. Dennoch wissen wir, dass sie etwa 60 Prozent der Patienten mit schwerer Depression helfen können. Aber nicht nur Medikamente können helfen, auch die Psychotherapie hat in Studien ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt, besonders die kognitive Verhaltenstherapie. Und zwar so eindeutig, dass fest steht, dass sie sich zur Erstbehandlung mindestens ebenso gut eignet, wie Antidepressiva.

Und es gibt noch andere Alternativen zu Antidepressiva: Obwohl für Johanniskraut die Beweise noch dünn sind, scheint es sehr wahrscheinlich, dass die Pflanze ebenso gut wirkt wie Antidepressiva. Auch Sport zeigt deutlich positive Effekte was die Reduktion von depressiven Symptomen betrifft.

Wahlfreiheit

Es gibt also reichlich Möglichkeiten zur Bekämpfung von Depression. Aber welcher Schritt ist nun im ersten Moment der richtige, wenn die Diagnose "schwere Depression" lautet? Im konkreten Fall hängt die Wahl der Behandlungsmethode von den Wünschen des Patienten ab.

Gemeinsam mit Kollegen aus den USA haben wir vom Department für Evidenzbasierte Medizin der Donau-Universität Krems Anfang des Jahres eine Metaanalyse publiziert, in der alle wichtigen Studien zum Thema "Behandlung bei schwerer Depression" zusammengefasst ausgewertet wurden. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass das American College of Physicians die Empfehlung für die Erstbehandlung von depressiven Patienten geändert hat.

In der Übersichtsarbeit konnten wir zeigen, dass die beiden Therapiewege kognitive Verhaltenstherapie und Antidepressiva der 2. Generation, betroffenen Patienten in gleichem Ausmaß helfen und dass die Beweise für die Wirksamkeit beider Therapien ähnlich gut sind. Das heißt: Die von Depression Betroffenen haben für ihre Erstbehandlung die Wahl zwischen zumindest zwei gleichermaßen geeigneten Varianten. Es entscheidet also der Patient. Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und die Lebensumstände werden natürlich berücksichtigt.

Nutzen gegen Nebenwirkungen

Entsprechend wichtig ist eine ausführliche Aufklärung über den zu erwartenden Nutzen und die Nebenwirkungen jeder Behandlung. Grob betrachtet, sind bei Johanniskraut oder der Verhaltenstherapie weniger Nebenwirkungen zu erwarten als bei Antidepressiva. Aber auch hier gibt es Unterschiede von Patient zu Patient.

Die von Antidepressiva bekannten Nebenwirkungen sind etwa Schwindel, Schlaflosigkeit oder sexuelle Störungen. Die Nebenwirkungen der Psychotherapie sind geringer, allerdings auch wenig erforscht. Eine Nebenwirkung könnte sein, dass es beim Patienten zu einer Verschlechterung der depressiven Symptome kommt.

Johanniskraut beeinflusst die Wirkung vieler anderer Medikamente, die Therapie muss deshalb gut auf den Patienten abgestimmt sein. Wer mehrere Therapien kombinieren möchte, geht ein höheres Risiko für Nebenwirkungen ein. In Österreich ist die Wahl der Behandlung auch eine finanzielle Frage, da die Kosten für eine Psychotherapie nicht immer von der Krankenkasse übernommen werden.

Wechsel notwendig

Dass im Fall einer Depression mehrere Therapien zur Auswahl stehen, klingt leider besser, als es ist. Denn die verschiedenen Therapien wirken bei weitem nicht bei allen Betroffenen. Rund 40 Prozent der Patienten sprechen auf die Ersttherapie nicht an – egal welche Behandlung eingesetzt wird. Das Problem in der Praxis ist dabei oft, dass die Therapie trotz ausbleibendem Erfolg nicht geändert wird.

Sowohl Antidepressiva, als auch Verhaltenstherapie wirken nicht von einem Tag auf den anderen. Stellt sich aber nach einigen Wochen keine Verbesserung ein, sollte unbedingt die Therapie verändert werden. Das kann die Umstellung auf ein anderes Medikament sein (es gibt zahlreiche Antidepressiva) oder der Wechsel auf eine gänzlich andere Therapieform, etwa von der medikamentösen Behandlung zu einer kognitiven Verhaltenstherapie.

Über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Therapien bei Depression wissen wir immer mehr. Das hat den großen Vorteil, dass die Behandlungen besser an jeden einzelnen Betroffenen angepasst werden können. Dass Patienten selbst zwischen den Therapieformen wählen können, hat einen weiteren Vorteil: Wer die Wahl hat und eine stimmige Therapie gefunden hat, hält sich häufiger an die Behandlungsvorgaben und bricht die Behandlung seltener ab. Das verbessert die Chancen auf Heilung. (Gerald Gartlehner, 4.3.2016)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vizedirektor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Johanniskraut und Sport zeigen bei Depressionen ähnlich positive Behandlungseffekte wie Antidepressiva.
    foto: dpa-zentralbild/patrick pleul

    Johanniskraut und Sport zeigen bei Depressionen ähnlich positive Behandlungseffekte wie Antidepressiva.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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