Rio-Traum und böses Erwachen

4. März 2016, 12:47
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"Nosso Jogo" prangert Menschenrechtsverletzungen an, Spitzensportler springen bei

Wien – Der Olympiaplatz liegt in der Nähe, auch zur Laufbahn im Wiener Leichtathletikzentrum ist es nur ein Katzensprung. Also hatte die Initiative Nosso Jogo, um auf Menschenrechtsverletzungen vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hinzuweisen, ins Lokal des Rugbyvereins Donau Wien im Prater geladen. Auf der Laufbahn wieselten Kinder der Volksschule Kenyongasse gemeinsam mit der Kanutin Ana Roxana Lehaci, der Leichtathletin Jennifer Wendt, dem Rugbyspieler Johannes Dachler und dem Segler Andreas Hanakamp, um die Aktion "Menschenrechte sind olympisch – ich bin dabei" zu initiieren. Dafür werden – natürlich nicht jeweils solo, sondern in Summe – 10.000 Kilometer abgespult, circa die Distanz zwischen Wien und Rio.

Nosso Jogo heißt "Unser Spiel" und ist, wenn man so will, ein frommer Wunsch. In Rio, das auch Schauplatz der Fußball-WM 2014 war, wurden seit 2009 mehr als 70.000 Menschen zwangsübersiedelt, ganze Viertel verschwanden, gegen Demonstranten ging die Polizei gewaltsam vor. Julia Bustamante Silva, Menschenrechtsaktivistin aus Rio, berichtete in Wien: "Es gibt schon laut offiziellen Angaben täglich einen Toten durch Polizeigewalt. Außerdem sind viele Menschen einfach verschwunden."

Julia Bustamante Silva nennt Rio eine "seit jeher geteilte Stadt", geteilt in Arm und Reich. Die Trennung werde durch Olympia noch markanter. "Sehr wenige bereichern sich auf Kosten sehr vieler." Das Olympiabudget samt Infrastrukturmaßnahmen wie dem Bau einer Metro-Linie, deren rechtzeitige Fertigstellung nicht gesichert ist, liegt bei 38,7 Milliarden Reais (neun Milliarden Euro). "Gespart wird dafür im Gesundheitswesen und in der Bildung", sagt Bustamante Silva. "Schulen sperren zu. Das spüren alle Menschen."

Die Initiative Nosso Jogo versammelt mehr als 150 Organisationen. Per Petition wird IOC-Präsident Thomas Bach aufgefordert, er möge sich dafür einsetzen, dass Menschenrechtsverletzungen in Rio gestoppt werden. Bemerkenswert ist das Engagement von Lehaci, die im Kajak-Zweier mit Viktoria Schwarz zur erweiterten Weltspitze zählt. Die 25-jährige Oberösterreicherin will ein Zeichen setzen. "Ich finde es traurig, dass es in Rio so viele Menschenrechtsverletzungen gibt. Wir wollen zeigen, dass wir hinter den Menschen dort stehen."

Hanakamp, der 1996 und 2004 olympisch gesegelt ist, schließt sich an. "Olympia ist der Traum jedes Sportlers. Es ist erschütternd, zu sehen, wie dieser Traum gleichzeitig für andere zum Albtraum werden kann." (Fritz Neumann, 4.3.2016)

  • Kanutin Lehaci: "Wir stehen hinter den Menschen."
    foto: nosso jogo / visnjic

    Kanutin Lehaci: "Wir stehen hinter den Menschen."

  • 60 Kinder beim Start der Solidaritätsaktion "Menschenrechte sind olympisch – ich bin dabei".
    foto: nosso jogo / visnjic

    60 Kinder beim Start der Solidaritätsaktion "Menschenrechte sind olympisch – ich bin dabei".

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