Zuwanderung als Konsumbremse

3. März 2016, 18:01
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Der starke Anstieg der Migration nach Österreich hat den Lohndruck erhöht, heißt es in einer neuen Analyse des Wifo. Darunter leiden Konsum und Wachstum

Wien – Nutzt oder schadet der starke Zuzug von Arbeitnehmern aus Osteuropa der österreichischen Wirtschaft: Eine am Donnerstag veröffentlichte Analyse des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo dürfte die Debatte über diese Frage erneut anfachen.

Wifo-Ökonom Stefan Schiman hat sich angesehen, weshalb Österreichs Wirtschaft seit 2012 kontinuierlich um weniger als ein Prozent pro Jahr wächst. Vor allem der schwache Privatkonsum wirkt als Bremse. Nimmt man das Jahr 2012 als Basis, haben Exporte und Investitionen zugelegt. Die Nachfrage der Österreicher nach TV-Geräten, Laptops und Pkws stagnierte. Aber woran liegt das?

Höchststand seit 1945

Laut Schiman verdirbt die schwache Lohnentwicklung die Kauflaune der Menschen. Dass die Gehälter kaum steigen, liegt an der im europäischen Vergleich hohen Inflation in Österreich. Zugleich wirke sich die Zuwanderung negativ aus. Der starke Zuzug ausländischer Arbeitskräfte nach Österreich habe wesentlich zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit beigetragen – die Arbeitslosenquote ist auf dem höchsten Stand seit 1945. Eine hohe Arbeitslosigkeit schwächt immer die Verhandlungsposition der Gewerkschaften bei Lohnrunden. Exakt dieser Effekt mache sich bemerkbar.

Gut illustrieren lässt sich dieses Argument mit einem Blick nach Deutschland, wo die Reallöhne stärker gestiegen sind als in Österreich. In Deutschland wurde der Konsum zur Triebfeder für den Aufschwung. In Deutschland sinkt aber auch die Arbeitslosigkeit seit Monaten.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Zuwanderung. 230.000 Menschen aus den EU-Ländern in Osteuropa sind in Österreich beschäftigt. Das ist mehr als doppelt so viel wie 2010. In Deutschland gibt es weniger als eine Million Arbeitnehmer aus den neuen EU-Ländern, obwohl der Arbeitsmarkt zehnmal größer ist.

Zuletzt hat Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm kritisiert, dass der Zuzug von Osteuropäern die Arbeitslosigkeit steigen lasse. Muhm forderte die EU auf, über Einschränkungen bei der Personenfreizügigkeit zu diskutieren.

Schiman will seine Analyse keinesfalls als Aufruf verstanden wissen, den Arbeitsmarkt abzuschotten. Wie viele andere Ökonomen sagt auch er, dass Österreichs Wirtschaft deutlich von der EU-Erweiterung profitiert habe. Die heimischen Betriebe haben 2015 Güter im Wert von mehr als 20 Milliarden Euro nach Osteuropa exportiert. "Österreich schickt Güter, die Länder im Osten Arbeitskräfte." Sogar wenn es rechtlich möglich wäre, an der Personenfreizügigkeit zu rütteln, rät Schiman davon ab. Österreich würde Gegenmaßnahmen beim Freihandel zu spüren bekommen.

Das Angebot steigt weiter

Jedoch sagt der Ökonom, dass auf Österreich zusätzliche Herausforderungen zukommen. Die große Flüchtlingsmigration wird "den Anstieg des Angebotsüberhanges auf dem Arbeitsmarkt beschleunigen und den Lohndruck vor allem in den unteren Einkommensgruppen verschärfen", heißt es im Wifo-Papier.

Zu der Auswirkung von Migration auf Wachstum gibt es viele Studien. Eine Analyse der Forschungsinstitute Wifo und IHS zu Einwanderungswellen Anfang der 1990er-Jahre und zwischen 2001 und 2005 kam zu dem Ergebnis, dass Österreichs Wachstum in beiden Fällen klar profitiert hat. Die Migranten haben zwar in beiden Fällen den Lohndruck erhöht, doch weil die Gehälter gesunken sind, haben die Unternehmer mehr Menschen eingestellt, die Zahl der Beschäftigten stieg an. Deshalb hat in weiterer Folge der Konsum angezogen, was das Wachstum befeuerte. Dieser Effekt findet derzeit nicht statt.

Vor der Öffnung des Arbeitsmarktes für EU-Osteuropäer 2011 seien viele besser qualifizierte Jobsuchende nach Österreich gekommen, sagt Gudrun Biffl, Arbeitsmarktexpertin an der Donauuni Krems. "Das hat zu einem messbaren Produktivitätsschub geführt". Seit 2011 kommen verstärkt unqualifizierte Arbeitnehmer, "der Vorteil für die heimische Wirtschaft fällt damit weg." Biffl erachtet aber andere Faktoren, etwa die fehlende Innovationskraft der heimischen Wirtschaft, als für das schleppende Wachstum hauptverantwortlich. (András Szigetvari, 3.3.2016)

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