Der Lauf des Julian Baumgartlinger

3. März 2016, 17:25
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Mainz 05 hat Bayern München auswärts mit 2:1 geschlagen. Kapitän Julian Baumgartlinger bot erneut eine Topleistung. Er rannte, rannte, rannte. Und spielte Fußball

Wien/München – Julian Baumgartlinger hat nach dem Spiel ein halbes Glas Bier getrunken, mehr hat nicht in seinen ausgepumpten Körper gepasst. Wer glaubt, dass nach einem 2:1-Sieg bei Bayern München bis zum Umfallen gesoffen wird, irrt. Es war am Mittwochabend, der 28-jährige Salzburger war an der Sensation mit-, ja, sogar hauptbeteiligt. Das Siegestor hat er Jhon Córdoba aufgelegt (86.). Während der 90 Minuten hat der Kapitän von Mainz 13,6 Kilometer zurückgelegt, das ist ein absoluter Spitzenwert, die deutsche Fußballbundesliga kennt diesbezüglich keinen zweiten Baumgartlinger. "Normalerweise sind es so zwölf Kilometer, aber gegen die Bayern ist der Aufwand gezwungenermaßen größer."

Am Tag danach ist der ÖFB-Legionär in Mainz und auf dem Boden der Realität angekommen. "Natürlich wird das in Erinnerung bleiben, Bayern dominiert seit einem Jahrzehnt", sagt Baumgartlinger dem Standard. "Karrierehöhepunkt ist zu hoch gegriffen, es ist lediglich etwas Besonderes."

Mainz passt

Mainz passt seit 2011 zu Baumgartlinger, der Umkehrschluss ist zulässig. "Die Mannschaft steht im Mittelpunkt. Aber wir haben auch Qualitäten, können mehr als nur rennen." Nach 24 Runden liegt man an fünfter Stelle, hält bei 39 Zählern. Die Geschichte lehrt, dass 40 nötig sind, um sicher nicht abzusteigen. "Also brauchen wir einen Punkt." Die Quali für die Champions League sei überhaupt kein Thema. "Es wäre kühn, als Mainzer daran zu denken. Wenn es passiert, passiert es."

Seit Saisonbeginn trägt Baumgartlinger die Kapitänsbinde, Trainer Martin Schmidt, ein Schweizer, wollte das. "Ein äußeres Zeichen. Auch davor war ich ein Führungsspieler. Ich bin halt ein Sprachrohr, habe Termine wahrzunehmen." Schmidt singt Hymnen auf Baumgartlinger. Der sei der ideale Achter, ein Vorbild, ein Klassemann, besitze defensiv wie offensiv große Qualitäten. Der Klassemann schickt das Lob zurück. "Ein euphorischer, positiver, ehrlicher, geradliniger, analytischer Mensch." Ein Vergleich mit einem anderen Schweizer, mit Teamchef Marcel Koller, sei zwar zulässig, "aber nicht zielführend. Sie sind unterschiedlich. Koller ist der kühle Analytiker, der ebenfalls sagt, was Sache ist."

Spaß am Aufwand

Baumgartlinger fühlt sich in Topform. Seit eineinhalb Jahren. "Ich habe Spaß an dem Aufwand. Natürlich denke ich mir manchmal, es könnte ein bisserl weniger sein, vielleicht würden zehn Kilometer reichen. Aber bei Anpfiff setzt ein Automatismus sein, und ich renne los. Ich merke, dass ich nicht müder werde. Wahrscheinlich liebe ich die Qual." Er habe gelernt, perfekt zu regenerieren. Ob er am Zenit seiner Karriere angelangt ist? "Ich glaube nicht, ich bin dabei, durch harte Arbeit mein Leistungsniveau immer höher zu schrauben. Also kann ich nicht behaupten, dass ich in der Form meines Lebens bin."

Den Job im Mittelfeld habe er im Laufe der Zeit neu interpretiert. "Ich dachte lange, ich habe im Angriffsdrittel nichts verloren, muss in der Mitte und hinten abräumen. Es geht aber mehr." Am 12. Februar hat er im 112. Spiel für Mainz sein erstes Tor, den Siegestreffer gegen Schalke, erzielt. "Ich habe das mit einer gewissen Ironie gesehen. Für das zweite Tor werde ich nicht so lange brauchen." Sein Vertrag endet 2019. "Ob ich ein ewiger Mainzer bin? Keine Ahnung, ich kann mir in diesem Geschäft alles vorstellen."

Am Sonntag gastiert Darmstadt in Mainz. Die EM in Frankreich hat Baumgartlinger "im Hinterkopf. Drei Monate sind schnell vorbei." Was er bis dahin machen wird? "Mit Freude laufen." (Christian Hackl, 3.3.2016)

  • Julian Baumgartlinger: "Wir hatten einen sehr guten Tag und auch das notwendige Glück."
    foto: apa/afp/stache

    Julian Baumgartlinger: "Wir hatten einen sehr guten Tag und auch das notwendige Glück."

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