Alligatoren als Bodyguards

4. März 2016, 08:50
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Floridas Vögel schützen ihre Nester auf besondere Weise – den Preis dafür zahlen ihre schwächsten Küken

Gainesville/Wien – Viele dürften schon vom Krokodilwächter gehört haben, einem kleinen Watvogel, der ruhenden Krokodilen ins sperrangelweit geöffnete Maul hüpft und den dankbaren Reptilien Essensreste aus den Zähnen pickt. Entsprechende Berichte sind seit der Antike überliefert.

So bekannt diese Zweierbeziehung ist, so wenig lässt sie sich allerdings belegen. Nach langen Beobachtungsreihen gehen Biologen inzwischen eher davon aus, dass es sich um aufgebauschte Anekdoten über einzelne besonders vorwitzige Vögel handelt. Eine echte Symbiose wie etwa zwischen Putzerfischen und Haien konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Ungleiche Nachbarn

Eine tatsächlich annähernd symbiotische Beziehung zwischen Vögeln und Krokodilen findet man hingegen in Florida – putzig ist sie jedoch in keinerlei Hinsicht. In den dortigen Sumpfwäldern legen Schreitvögel wie Reiher, Störche oder Ibisse ihre Brutkolonien auffällig oft in unmittelbarer Nachbarschaft von Alligatoren an: Die Nester thronen oben im Geäst, am Fuß des Baums hat das Reptil seinen Liegeplatz.

Den Vorteil für die Vögel, die ihre Kolonien ja durchaus weiter vom Wasser und damit von den Alligatoren entfernt anlegen könnten, kennt man aus Beobachtungen: Kleine Säugetiere wie Waschbären oder Opossums, die gerne Nester plündern, lassen sich von den Alligatoren abschrecken – oder werden von diesen gefressen.

Eine Symbiose müsste allerdings beiden Seiten zum Vorteil gereichen. Bisher konnte nur gemutmaßt werden, dass die Alligatoren von sich aus in der Nähe der Brutkolonien bleiben, weil dort immer wieder aus den Nestern gefallene Jungvögel vor ihrem Maul landen.

Das war nur eine Vermutung, aber Forscher um Lucas Nell von der Universität Florida können diese nun im Fachmagazin "Plos One" auch mit Fakten untermauern. Gewichts- und Größenmessungen von Alligatoren sowie die Untersuchung von Blutproben ergaben, dass Alligatoren, die in der Nachbarschaft von Brutkolonien leben, im Schnitt deutlich kräftiger und gesünder sind.

Die Forscher berücksichtigten wechselnde Umweltbedingungen und ähnliche äußere Faktoren, um unter deren Ausschluss diejenigen Unterschiede zwischen einzelnen Alligatoren herausfiltern zu können, die nur noch mit der Nähe oder Ferne zu Brutkolonien einhergehen. In der so erstellten Gesundheitsstatistik rangierten Alligatoren, die Nachbarn von Vogelkolonien waren, in etwa im oberen Drittel. Alligatorweibchen, die keine Kolonien in ihrer Nähe hatten, fanden sich am anderen Ende der Statistik, im untersten Fünftel.

Der entscheidende Unterschied

Und wer sich jetzt fragt, was es für einen Vogel für einen Unterschied macht, ob seine Jungen von einem Waschbär oder einem Alligator gefressen werden: Hier kommt ein nüchternes evolutionäres Kalkül ins Spiel. Viele Vogelarten legen mehr Eier, als sie Junge durchfüttern können. Die schwächsten Küken werden benachteiligt und aus dem Nest geworfen. Während ein kletternder Waschbär ein komplettes Gelege vernichten würde, bekommt ein im Erdgeschoß wartender Alligator also nur das ab, was ohnehin nicht mehr gebraucht wird. Und das reicht.

Diese Lebensgemeinschaft ist nicht der Stoff, aus dem rührende Tierfilme gemacht sind. Aber sie funktioniert. (Jürgen Doppler, 4.3.2016)

  • Ein Alligator hetzt einen Waschbären: Brütende Vögel sind die Nutznießer eines solchen Dramas.
    foto: florida fish and wildlife conservation commission

    Ein Alligator hetzt einen Waschbären: Brütende Vögel sind die Nutznießer eines solchen Dramas.

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