Sabine Derflinger: "Es ist gut, dass die Frauen nicht gut wegkommen"

Interview7. März 2016, 07:00
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Die "Vorstadtweiber"-Regisseurin will die Quote im Filmgeschäft. Ungleiche Bezahlung hat sie für sich abgeschafft

STANDARD: Sind die "Vorstadtweiber" eine sexistische oder eine feministische Serie?

Derflinger: Es gibt klassische Rollenbilder, klassische Verfehlungen und klassische Paarstrukturen. Aber ich habe eh viel Spaß daran, diese Frauenbilder in ihr Gegenteil zu verkehren. Wer meine Folgen sieht, wird das beobachten: Da gibt es etwas, das ist sexistisch, dann drehen wir es um, und es ist wieder feministisch.

STANDARD: Die Frauen kommen nicht gerade gut weg.

Derflinger: Aber das ist doch das Gute! Es ist völlig falsch verstandener Feminismus, zu glauben, weil wir benachteiligt sind, müssen wir Frauenfiguren erschaffen, die göttinnengleich gut sind, alles richtig machen, die nur Opfer, nie Täter, nie deppert sind. Was erzeugen wir da im Idealfall? Uschi Glas als unfehlbare Frau, die ein Betonwerk führt? Da beißt sich die Katze in den Schweif. Wir müssen uns diese Welt einverleiben, mit den Stereotypen, dem Sexistischen, dem Atombusen, der Schönheits-OP und den Stöckelschuhen spielen. Ich habe nichts von alledem, aber wenn wir diese Welt nicht auch für uns erobern, werden wir immer Zweite sein.

foto: orf / petro domenigg

STANDARD: Fürchten Sie nicht Applaus von der falschen Seite?

Derflinger: Wieso? Die Männer in der Serie fallen genauso auf die Goschn. Insofern sind hier alle völlig gleichberechtigt. Die Serie hat ja etwas von Schlüssellochoptik: Als Zuschauerin kann ich mich schön mit allen vergleichen – und mich zum Beispiel glücklich fühlen, dass ich nicht einen ganz so blöden Mann habe. Es ist ein Fehler des deutschsprachigen Fernsehens, dass sie glauben, sie müssen Erziehungsprogramm machen. Diese Verbote sind das große Dilemma des Fernsehens. Die "Vorstadtweiber" haben sich über diese Verbote hinweggesetzt, und deshalb sind sie erfolgreich.

STANDARD: Wie steht es um die Geschlechterverhältnisse im Filmgeschäft?

Derflinger: Wie soll ich sagen? Es ist doch ganz logisch, dass es eine Quote braucht. Es wird sich sonst nichts ändern. Seit den 1970ern führen wir die gleichen Diskussionen. Wir schreiben 2016 – worauf warten wir noch? In anderen Ländern funktioniert es, aber bei uns gibt es Frauen und Männer, die behaupten, durch die Quote würden sich die Inhalte verschlechtern, weil Frauen keine guten Filme machen. Dieser Unsinn wird mit einer Selbstverständlichkeit behauptet, dass es mir die Schuhe auszieht. Warum die Quote bei uns nicht geht? Weil immer noch das Prinzip von Teile und Herrsche regiert. Ohne politischen Willen wird sich nichts ändern.

STANDARD: Sind Frauen selbst schuld, wenn sie gegen Seilschaften nicht ankommen?

Derflinger: Es geht nicht darum, dass Frauen sich in diese Seilschaften hineinsetzen, sondern um eine neue Struktur, und die ist systemisch. Eine Gesellschaft, in der Diversität stattfindet, kann nicht die Gesellschaft mit den gleichen Strukturen sein. Es geht um viel mehr.

foto: orf / petro domenigg

STANDARD: Und das wäre?

Derflinger: Wenn Machtverhältnisse sich ändern sollen, hat das jemals schon friedlich stattgefunden? Eher sehr selten. Ich sage gerne zu Männern: Seid froh, dass es die Quote gibt, denn in der Revolution würde man ein Schwert nehmen und euch den Schädel abschlagen. Ich meine mit dieser Polemik, wenn man es ernst nimmt mit der Machtverteilung, dann geht das nicht mit oberflächlicher Kosmetik.

STANDARD: In den USA gibt es eine Diskussion über Sexismus in Hollywood. Wie läuft das hier ab?

Derflinger: In meiner Sozialisation kann ich dazu ein schönes Buch schreiben. Angefangen von "Frau Derflinger, die Frauenfiguren in Ihren Drehbüchern müssen einmal ordentlich durchgepudert werden". Das ganze Programm. Das hat sich zumindest bei mir geändert, weil ich ein anderes Standing habe. In jüngeren Generationen gibt es das meines Wissens nicht mehr. Das hat schon viel mit den Männern von früher und ihrem Selbstverständnis, Frauen zu entwerten und zu Objekten zu degradieren, zu tun. Diese Pandas sterben tatsächlich aus.

STANDARD: Die Praxis der ungleichen Bezahlung auch?

Derflinger: Es waren immer 40 Prozent weniger, egal bei welchem Projekt. Das habe ich für mich abgeschafft, indem ich zu Kollegen ging und sie drängte: Jetzt sagt mir, wie viel ihr verdient, weil wenn nicht, bin ich so viel billiger, und dann werden sie mich engagieren und nicht euch.

foto: apa / epa / herbert neubauer

STANDARD: Wie wurde das argumentiert?

Derflinger: Damals gerne mit dem Marktwert. Doch gerade beim Fernsehen gibt es überhaupt keine Marktwertbegründung, weil die Leute beim Produkt einschalten. Das ist anders als beim Kinofilm, wo es zwar über die Förderinstitutionen Richtlinien für Regiegagen gibt, die budgetabhängig sind, aber namhafte europäische Regisseure darüber hinaus verdienen, weil sie eine eigene Marke sind. Beim Fernsehen gibt es das nicht. Es gibt einen Auftrag, und der wird erledigt. Alle Frauen, ob Cutterinnen, Kamerafrauen, bekommen automatisch weniger angeboten, wenn sie nicht aufpassen und sich dagegen wehren. Das funktioniert nach dem Motto, probieren kann man das mal. Da heißt es für Frauen Augen offen halten und sich nicht übers Ohr hauen lassen.

STANDARD: Ist die Misserfolgstoleranz geringer?

Derflinger: Viel, viel geringer. Für mich ist das mittlerweile anders. Ich habe viele Standbeine, und wenn es sein muss, drehe ich auch einen Film mit meinem Handy.

STANDARD: Zahlt sich Engagement aus?

Derflinger: Natürlich habe ich punktuell etwas erreicht. Ob es sich insgesamt auszahlt? Ich weiß es nicht. Ich habe in der Hinsicht viel geleistet und wäre froh, wenn das jetzt einmal jemand anderer übernehmen könnte, und ich könnte in Ruhe Filme machen, in denen es auch einmal um etwas anderes geht.

foto: orf

STANDARD: Haben es Regisseurinnen leichter oder schwerer als Männer?

Derflinger: Ich glaube, dass man sich als Frau viel leichter tut beim Drehen. Frauen sind begnadet, geboren dazu, Regie zu führen. Man spielt sich da im Vergleich zu den Buben. Man ist multitaskingfähig, hat hohe soziale Kompetenz, ist genau, sehr belastbar, man muss nicht um sein Ego kämpfen oder wer das längere Schwanzerl hat. Das kennt man gar nicht. Man ist superprivilegiert.

STANDARD: Schauspielerinnen sind ja vielleicht auch nicht immer ganz einfach.

Derflinger: Überhaupt nicht. Man kann mit Frauen solidarisch sein, und sie müssen sich nicht fragen, ob sie nicht doch mit dem Regisseur schlafen müssen. Sie können freier agieren. Den Jungs taugt es, weil dann müssen sie sich auch nicht in ihrer Männlichkeit beweisen. Es gibt nur Vorteile.

STANDARD: Aber ist die Quote die Lösung? In Deutschland existieren Zahlen, wonach Frauen eher kleine Filmprojekte bekommen und Männer sich die großen sichern.

Derflinger: Quote alleine reicht nicht, denn wenn die Kohle an die Jungs geht, haben wir auch nichts davon. Natürlich ist es so, wenn etwas nichts kosten soll, geht das schneller zu den Frauen. Das kenne ich von mir auch, dass ich dreimal so viel arbeiten muss, um ein höheres Budget zu bekommen. Dann spaziert der Regisseur mit 25 herein und verfügt über ein Budget, wo ich heute noch schauen muss, dass ich etwas kriege. (Doris Priesching, 7.3.2016)

Zum Nachlesen:

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Regisseurin Sabine Derflinger.
    foto: apa / herbert neubauer

    Regisseurin Sabine Derflinger.

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