Wertekurse für Flüchtlinge: "Österreicher sind wie Zwiebeln"

Reportage4. März 2016, 05:30
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Von Umgangsformen bis zum Sozialstaat wird in "Wertekursen" in acht Stunden Österreich erklärt – und vermittelt, wie man sich für Gastfreundschaft revanchiert

Innsbruck – Stephanie Gasche klopft mit dem rechten Zeigefinger gegen ihre Schläfe und grinst. "Na, was heißt das, glaubt ihr?", fragt sie die Flüchtlinge und zeigt ihnen noch einmal den Vogel. Der Arabisch-Dolmetscher neben ihr übersetzt, was sie sagt. "Ich denke, heißt das", ruft ein junger Mann aus Syrien. "Sich erinnern", murmelt ein anderer. Gasche schüttelt den Kopf. "Nein, nein", belehrt die Trainerin ihre Gruppe. "Bei uns in Österreich, da heißt das verrückt. Craaaazy!" Kurz blickt sie in neun ungläubige Gesichter. Dann lachen alle. Verrückt heißt das also. Komisch.

Freitagnachmittag im Schulungsraum des Tiroler Integrationsfonds. Es findet gerade der dritte "Werte- und Orientierungskurs" in Innsbruck statt. Die Lehrgänge sind Teil des im November von Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) vorgestellten "Integrationsplans", inzwischen werden sie in acht Bundesländern angeboten. Kärnten startet demnächst. In Vorarlberg und Niederösterreich ist die Teilnahme für Asylberechtigte bereits verpflichtend. Das Ziel: Hilfestellungen für den Alltag in Österreich; Flüchtlingen erklären, was man hierzulande tun muss, um ein anständiger Bürger zu sein.

"Damit es allen gut geht"

In Innsbruck haben die acht Syrer, darunter eine Frau, und der junge Mann aus dem Irak bereits einen intensiven Vormittag hinter sich: österreichische Geschichte, Geografie, Gleichberechtigung von Mann und Frau, rechtliche Integration, das Bildungswesen – zahlreiche Themenfelder wurden durchgeackert. Und immer wieder betont die Trainerin: Deutsch, Deutsch und noch mal Deutsch, das sei das Wichtigste – um Kontakte zu knüpfen, um einen Job zu finden, um zurechtzukommen. Ihre Schüler nicken artig.

Am Nachmittag geht es dann vor allem um "den Topf". Immer wenn Trainerin Gasche ihn erwähnt, malt sie mit ihren Händen einen Kreis in die Luft. Wer schon einmal im Krankenhaus war? Ein Mann zeigt auf. Wie viel er dafür gezahlt habe? Er zuckt mit den Schultern. "Nix", sagt er. "NICHTS" , wiederholt Gasche und erklärt: "Alle zahlen durch die Steuern ein bisschen etwas in den Topf, damit es allen gutgeht."

Viele Menschen, wenige Jobs

Wer Mindestsicherung beziehe, will sie dann wissen. Eh alle. "Die ist für Notsituationen, weil man kurzfristig nicht arbeiten kann", sagt Gasche. "Deshalb zahlen ich und andere Österreicher in den Topf ein." Ein junger Mann bedankt sich bei ihr. "Deshalb ist es auch so wichtig, dass ihr schnell einen Job findet und auch etwas beitragt", lässt sie sich nicht unterbrechen. Gasche will ihren Schülern aber keine große Hoffnung machen: Es gebe in Österreich viel weniger Arbeit als Menschen. "Die meisten von euch werden hier nicht das machen können, was ihr in Syrien gemacht habt."

Sichtlich brennt dem Iraker schon seit ein paar Minuten eine Frage auf den Lippen. In einer Atempause der Trainerin hakt er ein: "Entschuldigung", sagt er, "was soll ich tun, wenn im Geschäft eine Frau vor mir an der Kassa steht und ihre Tasche wegzieht, wenn sie mich sieht?" Er sei doch wirklich kein Dieb, erklärt er auf Deutsch und schaut bedrückt. "Wenn irgendwas passiert, glauben die Leute, alle Flüchtlinge sind so, aber das sind nur ein paar wenige." Gasche hat auf die Schnelle auch keine Lösung parat.

Eine Schicht nach der anderen

Sie erklärt dann aber: "Schaut, wir Österreicher sind wie Zwiebeln." Man müsse "uns" eine Schicht nach der anderen abnehmen: Trifft man einen Nachbarn zum ersten Mal im Stiegenhaus, schaut der vielleicht bloß skeptisch. Bei der nächsten Begegnung wird schon gegrüßt. Beim dritten Mal fragt er nach, wie es einem denn geht. Hat man sich bereits ein paar Mal gesehen, könne man den Nachbarn dann auch auf einen Kaffee in die eigene Wohnung einladen.

Gasche empfiehlt ihren Schülern: Höflich und freundlich sein, schön "Grüß Gott" sagen und die Hand geben – "immer, immer auch den Frauen!" Das wird dann gleich geübt.

"Mittlerer einstelliger Millionenbetrag"

Acht Stunden dauert so ein Wertekurs. Zumeist finden die Schulungen an einem Tag statt. Ein Trainer, ein Dolmetscher, rund 15 "Asylberechtigte oder subsidiär Schutzberechtigte" – also nur jene, die auch in Österreich bleiben können, heißt es vonseiten des Integrationsfonds, der im Integrationsministerium angesiedelt ist.

Die Kosten würden sich auf einen "mittleren einstelligen Millionenbetrag" belaufen. Sebastian Kurz strebt eine landesweite "Integrationspflicht" an. Bald sollen Flüchtlingen, die sich weigern, also die Sozialleistungen gekürzt werden.

Gegen Ende des Kurses in Innsbruck will Gasche noch wissen, was es bedeutet, wenn man die Arme vor der Brust verschränkt. "Ich bin sehr höflich", ruft ein Schüler. "Dass man interessiert ist", glaubt sein Sitznachbar. Gasche lächelt wissend. "Hier ist das zumeist ein Zeichen von Ablehnung", sagt sie. "Wer das bei einem Bewerbungsgespräch tut, kann gleich wieder gehen." (Katharina Mittelstaedt, 4.3.2016)

  • Die Integrationskurse dauern zumeist einen Tag lang. In Niederösterreich und Vorarlberg sind sie bereits verpflichtend. Bald sollen unwilligen Asylberechtigten landesweit die Sozialleistungen gekürzt werden.
    foto: apa / dpa / frederik von erichsen

    Die Integrationskurse dauern zumeist einen Tag lang. In Niederösterreich und Vorarlberg sind sie bereits verpflichtend. Bald sollen unwilligen Asylberechtigten landesweit die Sozialleistungen gekürzt werden.

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