Werte, Regeln und Pflichten "wie Kraut und Rüben durcheinandergemischt"

4. März 2016, 06:37
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Sprachwissenschafter Fischer: Wertevermittlung ist ein langsamer Prozess, den Kurse nicht beschleunigen können – schon gar nicht mit den Materialien des Integrationsministeriums

Wien – Familie ist wichtig, Gewalt gegen Frauen wird streng bestraft, Lebensgemeinschaften gibt es auch zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau – so steht es im Lernbehelf, den Flüchtlinge in den Wertekursen ausgehändigt bekommen.

Diese befinden sich gerade österreichweit im Aufbau, mit Stichtag Donnerstag haben 490 Menschen einen solchen Kurs besucht, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds, Roland Goiser. In insgesamt acht Stunden will man Flüchtlingen "Werte und Orientierung mit möglichst viel praktischem Input" vermitteln, an einem Format für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wird gearbeitet. Was Integrationsminister Sebastian Kurz (VP) als gute Integrationsmaßnahme feiert, sehen Wissenschafter kritisch.

"Ein Blödsinn"

Für Sprachwissenschafter Gero Fischer ist "die Vorstellung, dass man mittels kurzer Instruktion eine nachhaltige Wirkung – sprich: Verhaltensänderung – erzielt, schlicht ein Blödsinn". Es gehe auch niemand aus Unkenntnis der Verkehrsregeln bei Rot über die Ampel, sondern "weil er sich absichtsvoll daran hält oder nicht". Insofern sei die Wertevermittlung ein langsamer dialogischer Prozess, der im Kursformat nicht zu beschleunigen sei. Schon gar nicht mit den Materialien des Ministeriums, in denen Werte, Regeln und Pflichten "wie Kraut und Rüben durcheinandergemischt werden, wie sich der Stammtisch das halt so vorstellt". Fischer vermisst die fördernde Grundhaltung: "Hier geht es nicht darum, dass die Leute zu begeisterten Bürgern werden."

Soziologe Roland Verwiebe hält die Kurse für sinnvoll, aber nur, wenn es auch andere Maßnahmen gibt: "Das Erlernen der Sprache und die Integration in den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem ist wichtiger, wenn man an eine langfristige Integration denkt." Veränderungen individueller Werthaltungen sind möglich – aber auch die einheimische Bevölkerung sei gefordert: "Schön fände ich gemeinsam Kurse für österreichische Jugendliche und Jugendliche mit einer Flüchtlingsbiografie."

Frage des Stils

Andere ärgert der Stil, wie die Wertekurse vorgestellt wurden. "Die Verknüpfung mit einer Verpflichtung lässt assoziieren, dass Menschen hierzu gezwungen werden müssen, nicht zuletzt schwingt in manchen Äußerungen auch eine Konnotation der notwendigen ,Zivilisierung' der pauschal als rückständig gezeichneten Migranten mit", ärgert sich Bildungswissenschafterin Annette Sprung. Selbstverständlich sei es notwendig, Orientierung zu bieten. Die Regeln des Zusammenlebens könnten aber am besten im Alltag erfahren werden. Sprung plädiert für Projekte, in denen Flüchtlinge Alltag mit Österreichern teilen können – etwa in Vereinen oder Familien.

Dem ÖIF ist bewusst, dass ein Kurs allein nicht ausreicht, man arbeitet an vertiefenden Modulen, die sich an den Interessen der Flüchtlinge orientieren. Das Feedback der Kursteilnehmer sei bereits jetzt "überwältigend" positiv. (Peter Mayr, Karin Riss, 4.3.2016)

  • Österreich und seine Werte: In insgesamt acht Stunden will man Flüchtlingen "Werte und Orientierung mit möglichst viel praktischem Input" vermitteln.
    foto: apa/neubauer

    Österreich und seine Werte: In insgesamt acht Stunden will man Flüchtlingen "Werte und Orientierung mit möglichst viel praktischem Input" vermitteln.

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