Jewgenij Kissin: Dämonischer Musterknabe

3. März 2016, 15:38
posten

Der russische Pianist gastierte im Großen Musikvereinssaal

Wien – Seit Jahrzehnten gehört Jewgenij Kissin, das ewige Kind, zum viel beklatschten, bestaunten und auch ein wenig bemitleideten Inventar der großen Konzertsäle. Selbst wenn der 44-jährige Russe die sonnigsten Werke interpretiert, erinnert seine Mimik an einen Kriegsschauplatz dämonischer Mächte. Und wenn der Russe bei der Entgegennahme des Applauses lächelt, dann hat man den Eindruck, er tue dies nicht aus einer inneren Regung heraus, sondern weil ein Teil seines Gehirns den Mundwinkeln befiehlt, sich nach oben zu bewegen.

Im Großen Musikvereinssaal schnurrte der Mozart (C-Dur-Sonate KV 330) in steter Tempodisziplin ab, der Kopfsatz bezeichnungsadäquat maßvoll (Allegro moderato). Alle Keckheiten waren die eines wohlerzogenen Knaben zu Biedermeierzeiten, der die geliebte Tante von hinten kurz am Saum ihres Kleids zieht und weiß, dass er sie damit mehr vergnügt als ärgert. Brav nach dem Interpretationslehrbuch, also adrett-pointiert, der Finalsatz. In Summe ein Musterknaben-Mozart, dem die Spontaneität, das Narrische wie die Leichtigkeit des Herzens etwas abgingen.

Ganz anders Beethovens Appassionata. Kissin gönnte sich im Kopfsatz, diesem Tagebuch eines Cholerikers, große Tempofreiheiten und rückte ihn so an den Rand eines rhapsodischen Erzählens à la Liszt. Die Wutausbrüche waren gewaltig, aber auch kleinere Akzente hatten teuflischen Biss. Im Mittelsatz hätte man das Panorama der Variationen noch reicher gestalten können; im Finalsatz setzte Kissin zuungunsten huschender Unheimlichkeit auf maschinenartige Akkuratesse.

Wundervoll dann der zweite Konzertteil: Speziell im mittleren der drei Brahms-Intermezzi op. 117 öffnete Kissin eine ganze Welt, und für Salonfolklore à la Albéniz (Granada, Cádiz und Asturias aus op. 47, und Córdoba aus op. 232) ist sein feinfühliges Spiel mit seiner nie aufdringlichen Virtuosität wie gemacht.

Joaquín Larreglas Viva Navarra! war der Rausschmeißer, dem drei Zugaben folgten, zuletzt Brahms' Ungarischer Tanz Nr. 1. Stehender Beifall. (end, 3.3.2016)

Share if you care.