Das Männliche als Norm in der Sprache

4. März 2016, 16:01
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Die feministische Linguistik beobachtet das Geschlechterverhältnis in der Sprache – das Deutsche mache das Weibliche unsichtbar

Eine Berufsbezeichnung brachte im Jahr 1996 die Gemüter in der Steiermark in Wallungen. Sollte die frischgewählte Waltraud Klasnic nun zur "Frau Landeshauptmann" gekürt werden, oder sollte der Bezeichnung "Landeshauptmann" erstmals die weibliche Version "Landeshauptfrau" gegenübergestellt werden? Schließlich war Klasnic die erste Landeschefin Österreichs, ein Präzedenzfall sozusagen.

Anders als Gabi Burgstaller acht Jahre später in Salzburg, entschied sich Klasnic 1996 für die Anrede "Frau Landeshauptmann". Eine Entscheidung, die wohl auf mehreren Aspekten fußte, letztlich aber den Stand der Diskussion um die Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache widerspiegelte.

Ob in der deutschen Sprache nun die weibliche Form unterrepräsentiert ist, war schon in den 90er-Jahren keine neue Diskussion mehr, ist aber bis heute in Fluss. Die Ideen der feministischen Linguistik, sie hat ihren Ursprung in den USA, findet im deutschen Sprachraum seit Ende der 70er-Jahre Resonanz.

Im Mittelpunkt der Kritik am Deutschen damals wie heute: das "Mitmeinen" von Frauen in der männlichen Form, das sogenannte "generische Maskulinum". Dieses könne nämlich nach Belieben Frauen ein- oder ausschließen. "Jeder kann Arzt werden", kann Frauen mitmeinen, muss aber nicht. "Jede kann Ärztin werden", meine aber Männer nie mit. Fakt ist, vor allem Frauen bleiben so durch die konsequente Verwendung des generischen Maskulinums im Prinzip in der Sprache unsichtbar.

Unbewusste Prägung

Denkt man Sprache als ein System von Normen und Konventionen, dann hat es auch eine Auswirkung auf die konkrete Wirklichkeit, auf die Bewusstseinsbildung jeder Person, wenn die weibliche Form in der Sprache hintangereiht oder von der männlichen absorbiert wird, betont auch Ralf Vollmann, Linguist an der Karl-Franzens-Universität Graz. "Natürlich kann man sagen, dass die Berufsbezeichnung 'Manager' männliche wie weibliche Personen einschließt. Aber woran denkt denn die Mehrheit, wenn sie 'Manager' hört?"

Die Stereotypien der traditionellen Geschlechterrollen, so die Argumentation, würden so fortgesetzt und sich auch auswirken, denn die männliche Form sei keineswegs neutral, betont Vollmann. Das bestätigen auch zahlreiche Studien, wie die der deutschen Linguistin Friederike Braun, die nachgewiesen hat, dass es beispielsweise bei Ausschreibungen für politische Ämter "von der Formulierung der Fragen abhängt, wie häufig Frauen vorgeschlagen werden".

Geschlechtergerecht

Im amtlichen Sprachgebrauch in Österreich ist schon seit den 90er-Jahren ein geschlechtergerechter Sprachgebrauch vorgeschrieben. Seither wird aber auch heftig diskutiert, was am gerechtesten und natürlich auch am ökonomischsten sei. "Manager (m/w)" oder "Managerinnen und Manager" oder besser "ManagerInnen"? Und ist das neutrale "die Studierenden" der Formulierung "Studenten und Studentinnen" vorzuziehen, oder macht das erst recht Studentinnen unsichtbar?

Und inwiefern ändert es die Wahrnehmung, wenn man ein generisches Femininum einführt: "Managerinnen gesucht" (Männer sind mitgemeint)? Die Universitäten Leipzig und Potsdam zum Beispiel entschieden 2013, in Schriftsätzen für alle Funktionen nur mehr die weibliche Form zu verwenden, und waren einem wahren Shitstorm ausgesetzt.

Die emotionale Sprengkraft, mit der solche Diskussionen geführt werden – man erinnere sich an die Diskussion der österreichischen Nationalhymne -, erklärt sich Ralf Vollmann damit, dass sie massiv an herrschenden Machtverhältnissen anstreifen. In den letzten Jahrzehnten sei aber eine zunehmende Akzeptanz der geschlechtergerechten Bezeichnungen festzustellen.

Man könne Sprachen zwar "nicht vorschreiben, wie sie zu sein haben, aber man kann den offiziellen Sprachgebrauch festlegen", sagt Ralf Vollmann. Das passiere über Wörterbücher und Normierungsgremien wie Önorm oder Richtlinien der Ministerien.

Veränderung der Sprache funktioniere aber nicht nur von oben nach unten, erinnert Vollmann. Auch Minderheiten würden Sprachkonstruktionen, die geschlechterspezifische Stereotype festschreiben oder Stigmatisierung ausdrücken, "restaurieren". So geschehen etwa mit dem ursprünglich abwertend gemeinten Anglizismus "bitch" oder dem Begriff "queer".

"Selbststigmatisierung" nennt es Vollmann, wenn sich Minderheiten einen pejorativ besetzten Begriff sozusagen "schönreden" und ihn so der stigmatisierenden Kraft ein Stück weit berauben. "Ich bin ne Bitch!", singt die deutsche Rapperin Lady Bitch Ray und meint es als Kompliment. (Manuela Honsig-Erlenburg, 4.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

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DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Haydar and His Friends: Ein Thema, das sich durch Nilbar Güreş’ künstlerische Arbeit zieht, ist die Frage nach kultureller Identität. In diesem Kontext entstand das Projekt "Open Phone Booth", für das die Künstlerin den Alltag der Menschen im kurdischen Heimatdorf ihres Vaters dokumentierte. Wer in dieser infrastrukturell vernachlässigten Region Kontakt zur Außenwelt oder etwa zu Verwandten aufnehmen will, muss oft lange suchen und hoch in die Berge hinaufklettern, um endlich einen Empfang für das Handy zu bekommen.
    foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

    Haydar and His Friends: Ein Thema, das sich durch Nilbar Güreş’ künstlerische Arbeit zieht, ist die Frage nach kultureller Identität. In diesem Kontext entstand das Projekt "Open Phone Booth", für das die Künstlerin den Alltag der Menschen im kurdischen Heimatdorf ihres Vaters dokumentierte. Wer in dieser infrastrukturell vernachlässigten Region Kontakt zur Außenwelt oder etwa zu Verwandten aufnehmen will, muss oft lange suchen und hoch in die Berge hinaufklettern, um endlich einen Empfang für das Handy zu bekommen.

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