Justin Trudeau: Feminist als Premier

6. März 2016, 10:00
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Wie Kanadas Regierung liberales Vorbild ist

Kanadas Premierminister Justin Trudeau bezeichnete sich am 22. Jänner 2016 vor der Weltöffentlichkeit als Feminist. Auf der Bühne des Weltwirtschaftsforums in Davos erklärte der 44-Jährige dem Publikum, wie er mit seiner Ehefrau Sophie die Erziehung der drei gemeinsamen Kinder diskutiere.

Sophie habe ihn vor einigen Monaten auf die Seite genommen und gesagt: großartig, wie er seine Tochter ermuntere und ihr Selbstwertgefühl bestärke. Aber er müsse sich auch Zeit nehmen, mit seinen Söhnen darüber zu sprechen, wie man Frauen richtig behandle "und wie sie ein Feminist wie ihr Vater werden können".

"Weil es 2015 ist!"

Was in der internationalen Finanz- und Politikwelt ungewohnt war, erregte im liberalen Kanada nur wenig Aufsehen. Bereits 2005 wurde da die Ehe zwischen Homosexuellen und 1988 die Abtreibung legalisiert. Mehr Aufmerksamkeit zog Justin Trudeau auf sich, als er ein Wahlversprechen umsetzte: Die Hälfte seines Kabinetts sind Frauen. Am Tag seiner Vereidigung wurde er gefragt, warum er so viele Ministerinnen habe. Trudeau: "Weil es 2015 ist!"

Selbst die oppositionelle Konservative Partei konnte sich dem Sog von Trudeaus Dynamik nicht entziehen: Nach ihrer Wahlniederlage wählte sie erstmals eine Frau als Parteichefin.

In Kanada ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern im Alltag eher kameradschaftlich als knisternd. Auf der Straße wird eine Frau selten mit anzüglichen Bemerkungen oder Pfiffen konfrontiert. Für allein reisende Frauen ist das Land ziemlich sicher. Vielleicht hat es mit der Pionierzeit zu tun, als Frauen und Männer gemeinsam eine neue Existenz im fremden Land aufbauen mussten. Allerdings wenden die Kanadierinnen immer noch doppelt so viel Zeit für unbezahlte Kinderpflege auf als die Männer.

Heute stammen die meisten Einwanderer nicht aus Europa, sondern aus Asien oder Drittweltländern. Die Rollenverteilung ist in solchen Ehen oft traditionell und durch Religion definiert. Kanadische Werte durchzusetzen ist häufig schwierig und die Diskussion darüber nicht selten ein Tabu im multikulturellen Land.

Obwohl in Kanada alles politisch korrekt sein muss, haben gewisse Institutionen immer noch Mühe, damit umzugehen. Die Unis haben Verhaltensregeln für Studenten, aber wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt, fühlen sich Studentinnen immer wieder im Stich gelassen. Auch am Arbeitsplatz gibt es Reibungen: Laut einer Studie wurden 90 Prozent der befragten Frauen am Arbeitsplatz in irgendeiner Form sexuell belästigt.

Einen großen Nachholbedarf für Hilfe gibt es bei den eingeborenen Frauen, die überproportional Opfer von sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt und Morden werden. Die kanadische Regierung will nun mit einer großangelegten Untersuchung die Wurzeln des Problems bloßlegen. (Bernadette Calonego aus Vancouver, 6.3.2016)

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Kanadas Premierminister Justin Trudeau bezeichnet sich als Feminist.
    foto: apa / afp / don mackinnon

    Kanadas Premierminister Justin Trudeau bezeichnet sich als Feminist.

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