Machos an der Macht und Frauen auf dem Vormarsch

4. März 2016, 15:58
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In Lateinamerika erkämpfen sich Frauen mühsam ihre Rechte. Machismo dominiert alltägliche Leben, aber auch die Politik

Die verschlafene Kleinstadt zwischen dem gleichnamigen Vulkan und dem Nicaraguasee wirkt auf den ersten Blick idyllisch. Doch fragt man die Frauen, tut sich ein Abgrund auf. Auf dem Land ist die Bastion des Machismo noch ungebrochen, erzählt Nora Barahona, Direktorin des Frauenzentrums von Masaya.

Machismo bedeutet, dass Väter das Vorrecht beanspruchen, ihre Töchter zu entjungfern, dass Stiefväter und Onkel Mädchen aus der Familie missbrauchen. Machismo bedeutet, dass es keine sexuelle Aufklärung an den Schulen gibt und dass Männer ihre Frauen und Töchter mit Schlägen gefügig machen und ihnen Bildung verwehren. Machismo bedeutet, dass Verhütungsmittel teuer und schwer zu bekommen sind und dass Abtreibung unter allen Umständen illegal ist.

Studien zufolge werden 70 bis 80 Prozent aller Frauen Nicaraguas systematisch physisch oder psychisch misshandelt. Nirgendwo in Lateinamerika werden mehr Mädchen schwanger: 109 von tausend Schwangerschaften betreffen laut Uno Minderjährige.

Patriarchalische Strukturen

Offiziell wird die Problematik gerne heruntergespielt. Der Machismo sitzt sozusagen an der Macht: Präsident Daniel Ortega steht selbst im Verdacht, seine Adoptivtochter sexuell missbraucht zu haben. Auch das härteste Abtreibungsgesetz Lateinamerikas geht auf seine Kappe – im Zusammenspiel mit der erzkonservativen katholischen Kirchenhierarchie. Abtreibung ist unter keinen Umständen – auch nicht bei Vergewaltigung oder Gefahr für Leib und Leben – legal. Alle daran Beteiligten werden mit Gefängnisstrafen belegt.

Nicaragua ist das extremste Beispiel in der Region. Aber der Machismo, ein Erbe patriarchalischer, hierarchischer Strukturen der prähispanischen Kulturen und der spanischen Kolonialzeit, ist weit verbreitet. Nun wollen sich die Frauen die Unterdrückung aber nicht länger gefallen lassen. Angefangen hat der Wandel an den Universitäten. Vor sieben Jahrzehnten durften Frauen weder an die Unis, geschweige denn wählen.

Heute studieren in Lateinamerika mehr Mädchen als Jungen. Entsprechend drastisch ist die Geburtenrate gesunken, in Mexiko beispielsweise von 5,7 im Jahr 1976 auf aktuell zwei Kinder pro Frau. In Brasilien liegt die Quote sogar auf europäischem Niveau – bei 1,7.

Gerade bei den gebildeten Frauen ist die katholische Sexualmoral abgemeldet. Präservative, Sex vor der Ehe, Scheidung, die Pille danach, Homo-Ehen oder wilde Ehen – all das bahnt sich langsam den Weg in den konservativen Gesellschaften Lateinamerikas, vor allem in den Städten.

Quoten haben geholfen

Geholfen bei der Emanzipation haben die Quotenregelungen in der Politik, die sich in den 1990er-Jahren ausbreiteten. Durch sie hat sich der Frauenanteil in den Parlamenten seit 1995 von zehn auf 22 Prozent erhöht; Lateinamerika steht damit im Schnitt besser da als Europa. In den Kabinetten hat sich in 15 Staaten der Anteil an Ministerinnen in nur drei Legislaturperioden sogar verdoppelt, von 12,8 auf 27 Prozent – ohne Quote. In den Bürgerbewegungen und in der Kommunalpolitik sind Frauen ebenfalls auf dem Vormarsch.

Selbst Ortega musste im Jahr 2013 dem geballten Druck der Frauenorganisationen nachgeben. Die stark mit Frauen durchsetzte, sandinistische Parlamentsmehrheit erließ ein neues Frauengesetz, das unter anderem Frauenkommissariate schuf und Frauenmorde mit 15 bis 30 Jahren Haft belegt. Nicht nur der Täter, sondern auch der Mitwisser, der Übergriffe beobachtet und nicht anzeigt, macht sich nun strafbar.

Doch das eine ist das Gesetz und das andere die Praxis. Gewalt gegen Frauen sei noch immer gesellschaftlich toleriert, bedauert die Frauenstaatsanwältin Deborah Gradinson.

Die Kirche kritisierte das Gesetz außerdem als "männerfeindlich", worauf der Präsident per Dekret verfügte, dass die misshandelten Frauen nicht mehr automatisch Frauenhäusern zugeführt werden und dass es eine Vermittlung geben muss, bevor Ermittlungen eingeleitet werden – eine Art gelbe Karte für die Peiniger.

Frauenorganisationen sehen das Gesetz dadurch verwässert. Hinzu komme, dass die Behörden zögerlich und schlampig ermittelten und viele Fälle ungelöst blieben, so Barahona.

"Die Zahl der Frauenmorde verringert sich kaum", beklagt auch Reyna Rodríguez vom Netz der Frauen gegen Gewalt. 2014 wurden 65 Frauen ermordet, im Jahr davon 72, 2012 waren es 85. "Und die Opfer und die Täter werden immer jünger. Deshalb bräuchten wir dringend Aufklärungskampagnen gegen Machismo." (Sandra Weiss aus Masaya, 4.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

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  • "Machismo tötet": Protest in Mexiko-Stadt gegen das Schweigen.
    foto: ap / dapd / alexandre meneghini

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