Gonzalo Rubalcaba: Ekstatik sucht Verfremdung

2. März 2016, 16:19
22 Postings

Der kubanische Jazzpianist gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien – Pianist Gonzalo Rubalcaba sucht jenen einsamen Spielraum auf, in dem sich jetzt schon über Jahrzehnte (und recht nachhaltig die Disziplin prägend) Keith Jarrett aufhält. Im Gegensatz zu Jarrett, der gerne einleitend auch ausgiebige Reisen durch leicht kitschige Akkordlandschaften unternimmt, aus denen heraus er jedoch Inspiration für wundersame Augenblicke schöpft, geht es der Kubaner auch im Wiener Konzerthaus ohne Umschweife an.

Bei introvertierten Balladen ist jede Note bewusst gesetzt, kein Aufwärmen wird in Form musikalischer Kaminfeuermomenten zelebriert. Hier kommt einer sofort zum Punkt, setzt Pointen und ist darauf bedacht, auch im klanglichen Bereich delikat Rufzeichen zu setzen. Rubalcabas Stärke ist allerdings nicht unbedingt nur im Sanften zu suchen.

Zur vollen improvisatorischen Pracht bäumt sich seine Virtuosität eher im Dramatischen auf, dann also, wenn sie in jene Welt der linearen Spontankunst eintaucht. Dort regiert der Bebop in verdichteter abstrakter Form, und es klingt dann mitunter wie ein jazziger Hummelflug – unablässig strömt die melodische Energie aus diesem expressiven Geist.

Logisch: Selten weitet sich die Musik zur harmonischen Riesenkathedrale, die dann nur noch aus überschäumendem Klavierklang besteht. Auch darin ist der Künstler extrem. Und es zeigt sich, dass Rubalcaba nicht primär auf formale Ausgewogenheit der Stücke Wert legt. Er steigert sich in Phrasen hinein, reizt sie aus – es gilt hier eben das Primat des unmittelbaren Ausdrucks.

Eines ist aber einzigartig bei Rubalcaba, der in den USA lebt: Wie er – im rhythmischen Bereich – afrokubanische Klischees aufgreift und durch Verfremdung und Akzentverschiebung Richtung Stilisierung treibt, ist schlicht meisterhaft. Da klingt er wie ein entfesselter Thelonious Monk, wie das Genie Monk, so es einst Rubalcabas Technik gehabt hätte. (Ljubisa Tosic, 2.3.2016)

  • Starke Momente des Spontanen – Gonzalo Rubalcaba.
    foto: ap/franklin reyes

    Starke Momente des Spontanen – Gonzalo Rubalcaba.

Share if you care.