"Dunkelstein": Ahasver hinter der Brecht-Gardine

2. März 2016, 15:56
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Phänomenal: Robert Schindels Lesedrama im Theater Hamakom uraufgeführt

Wien – Die jüdischen Figuren in Robert Schindels "Realfarce" Dunkelstein sind kein Papier, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Der Titelheld, nunmehr am Wiener Nestroyplatz zu besichtigen, besitzt sogar ein berühmtes Vorbild. Der Rabbiner Benjamin Murmelstein (1905-1989) arbeitete nach dem Anschluss Österreichs für die Auswanderungsabteilung der Jüdischen Gemeinde Wiens. Tatsächlich ist Murmelstein aufgrund seiner Kollaboration mit den Nazi-Häschern für viele zum Täter geworden. Als einer, der so viele jüdische Leben wie möglich zu retten versuchte, stand er vor einem letztlich unlösbaren Konflikt.

Murmel- alias Dunkelstein entschied nolens, nicht volens über Leben und Tod. Er konnte in zahllosen Einzelfällen das Schlimmste abwenden und an den Grundzügen der Vernichtungspolitik doch nichts ändern. Viele jüdische Intellektuelle haben sich geweigert, Murmelsteins historischem Handeln das Etikett des Tragischen zuzuerkennen.

Im Theater Hamakom ist das anders. Hier hat man Schindels 2010 geschriebenes, vom Wiener Volkstheater dann doch nicht realisiertes Stück über den Rabbiner jetzt uraufgeführt. Man zögert angesichts der stofflichen Voraussetzungen, von einem Glücksfall zu sprechen. Und doch ist nichts weniger als ein kleines Wunder passiert. In Frederic Lions behutsam verfremdender Inszenierung wird man zum Lachen gereizt, gleichzeitig zu Boden geschmettert. Man darf zudem von der Entdeckung eines blitzgescheiten, mit Szenen und Sätzen jonglierenden Gegenwartsdramatikers berichten. Er lautet auf den Namen Robert Schindel.

Das jüdische Wien, das heutige wie das von 1938, entsteht aus der Vielfalt der Stimmen. Ausstatter Andreas Braito hat quer durch den Raum eine durchscheinende Brecht-Gardine gespannt. Ein paar Bescheid- und Besserwisser sind am Wort. Eine junge Jüdin mokiert sich über die Passivität der damaligen "Lämmer". Doch die "Schlachtbank" gerät nicht in den Blick. Die heimische Judenheit ist auch kein unteilbares Ganzes. Sie besteht aus Familien, die unter dem Druck immer schrecklicherer Verhältnisse zerfallen: "Schwere Tage kommen auf uns zu, meine Lieben", sagt Dunkelstein. Man sieht Polgar (Michael Gruner) und Friedell (Eduard Wildner). Der sprühende Witz der beiden entzündet sich am Tod.

Das achtköpfige Ensemble stellt sich in Stirnreihe auf, die Muskeln zucken. Das Unheil kündigt sich zum Beispiel in der Erörterung der eher lässlichen Kaffeehausfrage an, ob ein "Zwetschkenröster" als sortentypisches "Kompott" durchgehen darf.

Die Katastrophe bricht mit Macht herein. Friedell stürzt sich aus dem Fenster. Der Schauspieler Wildner kehrt wieder als Gemeindesekretär Leonhardt, der sich den Anweisungen der SS-Charge Linde (Alexander Julian Meile) beugen muss. Der ruhelose, beinahe schroffe Rabbi Dunkelstein waltet seines Amtes. Michael Gruner, im Hauptberuf ein großer, grüblerischer Regisseur, nimmt das Heft in die Hand. Es ist somit auch von der Entdeckung eines phänomenalen Schauspielers zu berichten. Gruner ist ein Ahasver, der verfrostet in seinem Mantel steckt und sich kein Mitleiden gestattet. Jubel für alle Beteiligten. (Ronald Pohl, 2.3.2016)

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Hamakom

  • Rabbiner Dunkelstein (Michael Gruner), mit sich zerfallen.
    foto: nick mangafas

    Rabbiner Dunkelstein (Michael Gruner), mit sich zerfallen.


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