Gastronomen lassen sich Fachkräftemangel nicht ausreden

2. März 2016, 15:44
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Jene IHS-Studie, die den Fachkräftemangel einen Mythos nennt, ist für die Hoteliervereinigung absurd

Wien – Den wiederholt behaupteten Fachkräftemangel in der Gastronomie verwies jüngst eine Studie des IHS ins Reich der Mythen. Die Bezahlung im Gastgewerbe sei niedrig, die Arbeitsbedingungen oft schwierig. Wenn es einen Mangel an Arbeitskräften gäbe, müssten auch die Gehälter oder Überstunden steigen, tun sie aber kaum, heißt es in der Studie. Auf Wirtshäuser und Co habe das aber im Beobachtungszeitraum 2005 bis 2010 nicht zugetroffen. Der Tenor der Studienautoren: Brauchten Wirtshäuser wirklich dringend Leute, wären sie auch bereit, mehr für sie zu zahlen.

Studie absurd

In der Österreichischen Hoteliervereinigung ÖHV lässt man das nicht auf sich sitzen. Die Studie, so ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer in einer Aussendung, sei absurd. Fachkräftemangel herrsche dort, wo nicht genügend gut ausgebildete Mitarbeiter gefunden würden. Im Gaststättenwesen sei genau dies der Fall kontert Reitterer. "Das IHS übersieht in seiner Analyse das enorme Wachstum der Top-Hotellerie: So viele gute Mitarbeiter, wie wir brauchen, lassen sich so schnell nicht finden."

Koch und Kellner gesucht

Ohnedies widerspreche sich das IHS selbst: Obwohl die Situation im Pflegebereich durchaus vergleichbar sei mit der im Tourismus, würde hier ein Fachkräftemangel zugestanden, da nicht. Reitterer empfiehlt einen Blick auf die Top Ten der gesuchten Berufe des AMS: Seit Jahren würden Kellner und Köche die Listen anführen: "Und wir wissen, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist".

Dazu komme der Bedarf an Revenue Managern, gut ausgebildeten Spezialisten für den internationalen Online-Handel, der mit dem Lehrberuf Hotelkaufmann erst seit heuer ausgebildet werde. Auch einen Seitenhieb auf andere Branchen verkneift die ÖHV-Präsidentin sich nicht. Mit dem neuen Berufsbild schließe sich im Tourismus die Lücke zwischen Akademikern im Backoffice und gelernten wie ungelernten Kräften in Küche und Service: "Wir haben Hilfs- und Fachkräfte im Gegensatz zu anderen Branchen noch nicht abgeschafft und noch dazu viele junge Mitarbeiter. Auf Durchschnittsgehälter wie im IHS kommen wir da natürlich nicht."

Chance auf Karriere

Genauso wichtig: Die Einnahmen von Hotels kommen nicht nur wenigen Shareholdern zugute, sie verteilen sich auf viele Köpfe – gerade auch auf weniger qualifizierte. "Das lasse ich mir nicht schlechtreden", hält Reitterer fest: "Bei uns hat jeder eine Chance auf einen Arbeitsplatz und auf eine Karriere."

Dass eine solche aber durchaus nicht jeder anstrebt, liegt für die Gewerkschaft vida auf der Hand. Nur gut jeder Zweite in der Tourismusbranche würde seinen Beruf zu den derzeit herrschenden Arbeitsbedingungen nochmals wählen. Warum, ist für die Gewerkschaft, leicht erklärbar. Laut einer aktuellen Umfrage stehen 47 Prozent der Beschäftigten im Schnitt drei bis vier Sonntage pro Monat im Job. Mehr- oder Überstunden erhalten 47 Prozent in Freizeit und nur 17 Prozent in Geld abgegolten, 11 Prozent gar nicht. (red, 2.3.2016)

  • Kellner gesucht: Das sei kein Mythos, sondern Realität, sagt die Hoteliersvereinigung.
    foto: apa/dpa/marijan murat

    Kellner gesucht: Das sei kein Mythos, sondern Realität, sagt die Hoteliersvereinigung.

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